W.W.G.D.

What would grandmother do?

Mit dieser Frage beschäftigen wir uns oft.

Meine Antwort wäre, wäre diese Frage wirklich auf meine Großmütter bezogen: Mütterlicherseits hätte ich keine Ahnung, wahrscheinlich hätte sie Angst vorm Großvater. Fragen kann ich sie leider nicht mehr, da sie mit Demenz und nach mehreren Schlaganfällen ohne Reaktionsfähigkeit in einem Pflegeheim liegt. Väterlicherseits, sie ist gestorben als ich zehn war, wir lebten allerdings im selben Haus und sahen uns täglich, wäre die Antwort wohl: Sie hätte gewartet bis es jemand für sie getan hätte – nicht aus Faulheit oder Bequemlichkeit, sondern einfach weil sie keinen blassen Schimmer hatte (mein Gefühl als Kind) oder weil sie einfach nicht wollte (meine objektivere Vermutung als Erwachsene, nachdem ich etwas mehr Tau über meine Großeltern gesammelt habe).

Also denke ich, wenn wir uns das fragen, immer an imaginäre Großmütter. Meine imaginären Lieblingsgroßeltern waren übrigens immer die aus dem Buch „Brav sein ist schwer“.

Warum stellen wir uns diese Frage überhaupt?

Wir wollen uns damit in Erinnerung rufen, dass unser Leben so bequem ist, dass wir total vergessen (haben), dass es nicht immer so war.

Das was früher Mühsal war, ist jetzt eine Leichtigkeit über die wir gar nicht nachdenken und für die wir einen hohen Preis zahlen (in Landeswährung und Gesundheit).

Alles muss schnell und vor allem immer verfügbar sein.

Wir wollten aber schon lange nicht mehr industrielle Scheiße konsumieren. Wenn ich Inhaltsangaben von Produkten lese, die uns so „zum Fraß hingeworfen werden“ – kommt mir regelmäßig das Speiben. Und das ganz besonders bei Lebensmitteln.

Beim Einkauf gehe ich schon seit Jahren nach dem Motto „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“ vor. Finde ich auf einer Packungsangabe Wörter die ich nicht herleiten und/oder aussprechen kann oder Nummern oder Dinge (meistens Zucker) die nicht darin vorkommen würden, würde ich das Produkt selbst herstellen, kaufe ich sie nicht. Aus diesem Grund landen in meinem Einkaufskorb äusserst selten Convenience-Sackerln und -Packerln. An dieser Stelle gebe ich auch gerne zu, dass ich auf manche – nach obiger Ausführung – böse Produkte dennoch nicht verzichte(te) (das TE in Klammer, weil das alles in Plastik verpackt ist und somit in Zukunft wohl flach fällt), einfach weil sie mit einem nostalgischen, heimeligen Gefühl (Essen wie bei Muttern) verbunden sind.

Letzte Woche, als mein Baby starkes Bauchweh hatte und bitterlich weinen musste, erinnerte ich mich an die Tropfen, die ihr ohne ersichtlichem Grund (mit der dummen, überforderten und nicht klar denkenden Mutter kann man es ja machen) im Spital vorm Haare waschen (!) verabreicht wurden und die gegen Koliken sein sollten. Ich war schon kurz davor, die zu kaufen, wollte aber vorher recherchieren woraus die eigentlich bestehen und fing beim Lesen der „weiteren Inhaltsstoffe“ zu weinen an. Man hat meinem Kind ALUMINIUM (!!!) in den Mund getröpfelt! What the fuck. In meiner Wut habe ich dann gleich alle anderen Tropfen gegen Koliken gecheckt und in ALLEN ist Aluminium enthalten. Alle Tropfen gibt es auch für Nicht-Babies in Tabletten ohne Alu drinnen. Danke. What would granny do? Kümmeltee. Daraufhin habe ich Baby-Fläschchen (aus Glas) gegoogelt, in der Hoffnung welche mit Sauger ohne Silikon und den ganzen hormonellen Stoffen zu finden, bin fündig geworden und das gab es sogar beim Drogeriemarkt vis a vis. Während der Tee durchzog waren wir einkaufen und als wir zurück waren, konnten wir auch das Bauchweh bekämpfen. Ohne Chemiekeule. Eventuell etwas langsamer – dafür tatsächlich magenschonend.

Es gibt übrigens auch Zahnpasta mit Aluminium drinnen. Wenn man da beim Einkaufen nicht aufpasst wie ein Haftlmacher landet das Deo mit „Jetzt neu ohne Aluminium“-Sticker mit der Zahnpasta gemeinsam im Einkaufskorb. Warum sollte ich was auf meinen Schleimhäuten wollen, was ich nicht auf meiner Haut will???

Aus diesen Gründen fragen wir uns die Überschrift fast täglich und machen viele Produkte selbst, die andere kaufen.

In unserem Haushalt wird mit Kernseife gewaschen (uns selbst (pur) und alles was schmutzig ist (in Kombination mit anderen Inhaltsstoffen) ), die meine Urgroßmutter (!) im 2. Weltkrieg hergestellt hat und Kistenweise bei meinem Vater am Dachboden rumgammelt. Es gibt keinen Fleck den die nicht rauskriegt. Meine Haare wasche ich mit Roggenmehl – eine Supersauerei, aber die Haare werden so schööööööööön. Den Popsch unserer Tochter reinigen wir mit Wasser und Waschlappen. Unseren eigenen reinigen wir nach dem großen Geschäft auch mit reinem Wasser – allerdings aus der Podusche mit ein bisserl Wasserdruck. Feuchttücher sind bei uns schon seit Monaten aus. Zähne kann man zwar auch mit Kernseife putzen, aber ich wasch mir doch meinen Mund nicht selbst mit Seife aus. Also haben wir unsere eigene Zahnpasta hergestellt. Zum Abschminken (ich schminke mich vielleicht wenn es hoch kommt zwei Mal im Jahr) und zur Körperpflege verwende ich Kokosöl – seitdem hält sich meine Neurodermitis auch im Zaum. Zum Wäschewaschen verwenden wir biologisch abbaubares Waschmittel (gekauft) im Wechsel mit Kastanien. Ich freue mich schon darauf, wenn die mein Kind aufklaubt.

Wir pressen unseren eigenen Saft – heute gab es Apfel-Kiwi-Weintraube, die einzigen unverpackten Früchte im Supermarkt. Wir machen neuerdings unsere Nudeln selbst.

Der Göttergatte bäckt gerne Brot. Ich koche gerne ein. Allerdings haben wir uns im letzten Jahr dafür sehr selten Zeit genommen (einmal gab es Brot und ich habe Rhabarber-Kompott eingekocht – shame on us).

Das Take-Away hält sich bei uns in Grenzen – wir leben ja nicht in New York oder Wien sondern in Passau 😂. Bei uns wird an mindestens 29 Tagen im Monat frisch gekocht.

Wir haben kein Auto. Wir verfluchen diesen Umstand mehrmals pro Woche, werden ihn aber nicht ändern auch wenn wir den Garagenstellplatz um 50 Euro zur Wohnung dazumieten mussten. Wir machen alles per ÖPNV. Es ist eine Tortur und es glaubt uns hier in Deutschland keiner, dass wir SO überleben können- aber mei, unsere vier Großmütter hatten alle keinen Führerschein!

In der Wohnung in der wir wohnen ist es das ganze Jahr wohlig warm, da sie direkt über dem Heizraum liegt. Für unsere Prinzessin heizen wir punktuell wenn nötig ein bisserl zu (z.B. im Badezimmer wenn gebadet wird). Ich bin selbst in einer ebenerdigen undichten Wohnung ohne Keller und ohne Isolierung groß geworden und war sehr selten krank.

Heute ist mein Saat-Adventskalender (leider mit unnötiger Plastikbanderole) gekommen und ich freue mich schon darauf im Frühjahr mit dem Garteln zu beginnen. Erstmals in meinem Leben. Nachdem der Basilikum aus dem Supermarkt vier Monate überlebt hat (er steht noch immee lebend auf der Fensterbank), fühle ich mich reif dazu.

Man wächst mit seinen Aufgaben.