Das seltsame Verhalten der deutschen Arbeitskollegen nach Schichtende

Als ich noch in Wien zur Arbeit ging, gab es immer Öffi-Fahrgemeinschaften. Wer gleichzeitig aus hatte, flüchtete auch mit der selben U-Bahn oder dem gleichen Bus, oder wer ein Auto hatte fragte zumindest anstandshalber „Soll ich dich mitnehmen?“

Man saß zusammen im selben Carrée im selben Wagon oder stand im Bus im selben Quadratmeter, man redete miteinander, zog über andere und die Arbeit her, baute Frust ab oder sprach über so nicht öffentlichkeitstaugliche Themen, dass man die Blicke der anderen Anwesenden auf sich zog.

Manchmal hat sich dann auf dieser Fahrt noch ein „was meinst, gemma noch ins xxx (Beisl, Bar der Wahl)?“ ergeben, weil man ja noch was fertig zu tratschen hatte. Zu diesen Gelegenheiten wurden dann auch noch Frühschichtler des Tages, von denen man wußte sie hatten tagsdarauf frei, angerufen und gefragt obs nicht auch noch Lust hätten auf einen Absacker.

Wenn man mit manchen nicht im selben Fahrzeugteil saß, dann hatte das seine Gründe. Zum Beispiel: „Sei mir bitte ned bös, aber ich möchte das Buch fertig lesen bevor ich daheim bin.“ oder „Ich muss bei Haltestelle xy vorne/hinten raus und habs eilig.“

Ich vermisse es.

Hier in meiner Wahlheimat läuft das gaaaanz anders. Und: ich beobachte das nicht nur mit meinen Arbeitskollegen sondern auch unter Arbeitskollegen anderer Firmen mit denen ich die Einstiegshaltestelle teile. Also liegts nicht an mir, sondern dürfte „was kulturelles“ sein:

Man steht zusammen an der Haltestelle und plaudert. Der Bus biegt am Ende der Straße ein. Das Gespräch stockt. „Na heute ist er ja fast mal pünktlich – hohoho.“ Bus bleibt eine Station vor „unserer“ stehen. „Na wo bleibt er denn? Wird wohl nix mit der Pünktlichkeit – hohoho.“ Der Bus fährt in unsere Station ein und die Menschen die vorher noch im Rudel redeten kennen sich nicht mehr. Kein Wort des Grußes. Nix. Einer steigt hinter dem anderen ein und die Gruppe verteilt sich großflächig im meist menschenleeren Bus. Bei einer Viererkollegengruppe sieht die Verteilung wie folgt aus: Der erste geht nach hinten durch und setzt sich in die letzte Reihe. Der zweite setzt sich gleich hinter dem Busfahrer. Der dritte nimmt mittig in der zweiten Bushälfte Platz und der vierte im Mittelteil der ersten. Nichtmal beim Aussteigen wird der Rest der Belegschaft gegrüßt oder zumindest mit einem Nicken bedacht.

Panik steigt in den Köpfen allerdings dann auf wenn manchmal schon eine Horde Menschen den Bus bevölkert und eventuell für die vier nur noch eine Vierergruppe frei ist und man zwangsläufig zusammensitzen muss wenn man nicht stehen will (und wer will das schon nach einem 8-Stunden Bürotag). Um aber auch in dieser engen Situation das „Ich kenn die anderen nicht“-Gesicht nicht zu verlieren, haben die Assi-Kollegen von hier auch dafür eine Lösung > das Smartphone. Steckte es vorher noch in der Tasche, klebt es jetzt in den Händen. Es wird partout nicht mehr miteinander gesprochen sobald man im Bus sitzt.

Da frag ich mich, was bitte ist euer Problem? In welchem der Zehn Gebote steht „Gehe nur freundlich mit deinen Kollegen um solange du dich nicht fortbewegst?“

Ich weiß von einigen Kollegen wo sie wohnen. Das ist für mich jetzt nix abartiges oder stalkerhaftes. Ich hab das immer von denen gewußt die ich leiden kann, weil man könnte ja mal ein Auto haben und jemanden mitnehmen wollen. Und was bin ich anno dazumals mit dem Auto durch Wien gekurvt um Kollegen in die entferntesten Winkel zu bringen. Und mei, von mir weiß und wußte es ja auch einjeder der mich fragte. Für die Deutschen ist es ja besonders interessant zu erfahren dass die Ösi tatsächlich nach Deutschland gezogen ist….ja, ich weiß, das Gras ist jenseits der Grenze viel grüner…LOL.

Also, jetzt die Frage: Wenn ich weiß wo die schwangere auf Öffis angewiesene Ösi wohnt, ein Auto besitze und ihre Wohnung am Weg heim liegt und wir zur selben Zeit aus haben, frag ich da nicht zumindest anstandshalber „soll ich dich mitnehmen?“? Die Antwort ist: Nein, man fragt nicht. (Zum Verständnis: alle wissen dass ich kein Auto habe, weil das war nach „die kommt aus Österreich“ das Zweite was sie über mich erstaunte.)

Aber ich bin ja nicht auf den Mund gefallen und frag mittlerweile selbst „heast mogst mi ned mitnehma owezua is zach mim Bauch?“ besonders gerne samstags, weil der Bus da nie so fährt wie ich aus hab. Nein sagen tuns eh nicht die Piefke….LOL.

Ich finds ein bissi traurig.

Ich finds ein bissi assozial.

Ich vermisse meine Öffi-Kollegen in Wien: Alex, Babsi, Elif, Brigitte, Tanja, Elisabeth, Max, Milo, Ernest und alle anderen…

Offener Brief an die Stadtwerke Passau

Liebe Stadtwerke,

ich zahle im Jahr rund 425€ für ein Monatsabonnement – a.k.a. Jahreskarte. Wenn man das mit der 1,-€/Tag Jahreskarte in Wien vergleicht, ist das preislich schon kein Bemmerl. Wenn man aber die Bus-Intervalle hier mit den Bus-, U-Bahn- und Bimintervallen in Wien vergleicht ist das eine Absurdität. Zieht man dann noch die Pünktlichkeit zu diesem Vergleich hinzu führt das zu dem Zustand den man gemeinhin als Frechheit bezeichnet.

Ich bin seit einem Monat auf den Bus angewiesen um in die Arbeit zu kommen – zwischen 6 und 8 in der Früh fährt der wenigstens am Plan alle 15 Minuten ab. Das ist ja ganz anständig wenn der Plan nur der Realität entsprechen würde!!! Ich habe 5 Stationen zu fahren – nicht so wie auf der Spitalhofstraße wo an jeder Hausecke eine Station ist (und ich mal eine Station zum Spaß neben dem Bus hergegangen und gemütlich beim nächsten Halt wieder eingestiegen bin). Es handelt sich tatsächlich um eine Distanz für die ich 30 Minuten zu Fuß gehen müsste, der Bus legt diese Strecke in 5-7 Minuten (kommt auf die Anzahl der zu chauffierenden Lehrlinge an) zurück. Für mich kommen zwei fahrplanmäßige Zusteigezeiten in Frage um nicht lächerlich früh in der Arbeit zu sein – um 7:24 und um 7:39. Bei ersterem hätte (!!!) ich Zeit zum Bäcker zu gehen und zwei Zigaretten zu rauchen. Bei letzterem kann ich noch eine rauchen bevor ich um 7:55 einstempeln muss. Ich habe beide Busabfahrtszeiten im November getestet: es war an allen Tagen mäßig kalt, kein Wintereinbruch, Glatteis oder sonstiges. Der Bus war auch nie wirklich voll, ca 8-10 Lehrlinge und eine bis eineinhalb handvoll Erwachsene. Deshalb habe ich ein paar Fragen:

WARUM ZUM TEUFEL KOMMT DER BUS IM SCHNITT 7 BIS 12 MINUTEN ZU SPÄT?

WARUM FÄHRT ER NICHT PÜNKTLICH VOM ZOB AB? (Ich habe mich mehrfach bei anderen Passagieren erkundigt ob ein Stau war.)

WARUM PASSEN DIE STADTWERKE DEN BUSPLAN NICHT AN DIE REALITÄT AN ODER VERZICHTEN GLEICH AUF EINEN AUSHANG DER FAHRZEITEN?

GIBT ES IN PASSAU DIE CHANCE DASS DER BUS ZUMINDEST EINMAL IN DER WOCHE PÜNKTLICH IST?

IST ES MÖGLICH DIE VERSPÄTUNGEN AUF UNTER 5 MINUTEN ZU KÜRZEN?

Es ist megapeinlich im ersten Arbeitsmonat schon dreimal Bescheid geben zu müssen, dass man nicht pünktlich einstempeln kann, weil der Bus den man eine halbe Stunde vor Dienstbeginn nehmen möchte, sich so sehr verspätet.

Ich wundere mich auch täglich, wenn ich von der Arbeit wieder heimkommen möchte, darüber, dass der Bus bei seiner dritten Station der Fahrtstrecke bereits 3-5 Minuten Verspätung hat obwohl diese drei Stationen keine Ampel und 4 Gehminuten trennt.

Liebe Stadtwerke, zahlt den Busfahrern ein dem Preis des Monatsabonnements gerechtfertigtes Gehalt, damit diese auch wirklich mal so fahren wie im Plan vermerkt. Oder schult sie auf die Fahrpläne ein. Oder sensibilisiert sie für die Bedürfnisse der Passagiere. Oder setzt mehrere Fahrer und Busse ein. Oder tauscht die Papierpläne gegen eine elektronische Echtzeitanzeige. Oder seid selbst mal auf eure Busse angewiesen (keine „Betriebsfahrt“ sondern eine echte Busfahrt nach Plan). Oder ihr stellt mal eine Statistik auf um selbst zu sehen wie schlecht euer Service ist.

Meine Busstrecke liegt auf keiner Hauptverkehrsader. Die Fahrzeuge die hier verkehren sind Anrainer und ein kleiner Teil der Strecke ist sogar nur für den Bus freigegeben, deshalb wundert es mich umso mehr, dass der Bus hier nie pünktlich ist – an 24 Tagen kein einziges Mal in keine der Richtungen.

Jetzt habe ich noch nicht mal über die Fahrer gesprochen die während der Fahrt essen oder am Handy hängen oder darüber dass am Sonntag kein Bus vor 9:24 Uhr fährt, oder am Abend mal 2 Stunden mich keiner heimbringen kann… oder darüber, dass ich mehr Busse mit der Anzeige „Stadtwerke Passau“ oder „Betriebsfahrt“ sehe, als Busse die tatsächlich im Einsatz sind.

Ich weiß schon, dass die Zielgruppe, die ihr hier in dieser Stadt bedient, zum größten Teil keinen Zeitdruck hat (Pensionisten, Arbeitslose, Schüler) aber versucht doch mal den kleinen Prozentsatz der Kfz-losen Arbeitnehmer positiv zu überraschen und mal pünktlich zu sein.

Ein Monat in der Arbeit

Jetzt arbeite ich doch schon einen ganzen Monat in Deutschland und ich muss ehrlich sagen, ich dachte nach den ersten Tagen dort nicht, dass ich mir das so lange anschauen werde. Über die ersten echt schlimmen Tage half mir mein Dienstzeugnis aus Österreich. Das habe ich jeden Morgen zur Motivation gelesen und mir gedacht „So deppert wie die da bin ich nicht.“

Mittlerweile ist die „Schulungszeit“ vorbei und ich arbeite (mit denen die den Job wirklich erst seit kurzem machen) in einer „Blase“. Alles was ich mache wird kontrolliert mit entweder einem Augenrollen oder mit einem „was soll ich dazu sagen, außer „speichern musst noch“?“ Die Schulungspaten die für Rückfragen und Kontrolle bereitstehen und den anderen wirklich helfen müssen, kommen zu mir zum Plaudern…. sie sind von der Kontrolle meiner Arbeit genausowenig begeistert wie ich, weil sie mir einfach nichts mehr beibringen können. Wenn ich ein Streitgespräch habe, stehen sie in einer Traube um mich herum und lernen wie man Kunden wieder von ihrem Trip runterholt.

Heute hatte ich Feedback-Gespräch mit dem einzigen da drinnen wo ich mir wirklich denke, der tut ned nur unsympathisch, der ist es tatsächlich. Naja was soll ich sagen…ich werde meinem Dienstzeugnis, das meine neue Arbeit nicht sehen wollte, gerecht. „Du hast nach zwei Wochen eine Quote wie langjährige Mitarbeiter.“ Jaaaaa hahahahaha, ich mach den Scheiß auch schon so lange wie die längsten hier! Das einzige was mich bremst ist die gschissene Kontrolle!!! Ich wär noch viel besser!!! Konnte ich natürlich so nicht sagen – also sagte ich „aha“. Dann hat er gemeint ich werde im Jänner in den Schichtdienst versetzt und bekomme natürlich auch die Zulage – dass ich ohne es auch nicht gemacht hätte, habe ich gesagt – verdiene hier ja sowieso unter meinem Wert. Ich habe auch gesagt, dass ich mich extrem unterfordert fühle und mich langweile und dass ich die anderen Bereiche (in diesem Fall tatsächlich) auch geschult bekommen möchte und zwar dalli. Das dürfte noch dauern, da es keine geplanten Schulungen gibt. Also habe ich meinem Anliegen Nachdruck verliehen und hinzugefügt, dass Langeweile ein Motivationskiller ist.

Es gibt sehr vieles wovon ich an meinem neuen Arbeitsplatz nicht begeistert bin, aber eines was mir taugt: die Kollegen sind charakterlich so durchgemischt wie am alten Arbeitsplatz: die oide Bissgurn, die mit den bunten Haaren, den der die Goschn nicht halten kann und immer Grimassen schneidet, den der mit jeder neuen Kollegin flirtet, den Nerd, die leiwanden Weiber, die Teamleiter denen das Gesicht eingeschlafen ist, die Tussi… nur wirklichen Spaß hat man hier nicht bei der Arbeit. Dazu ist einfach keine Zeit und der Arbeitgeber findet das auch nicht gut wenn man lacht (!!!) – also ich hör jeden Tag die Frage ob ich die falschen Pillen schlucke (Antwort: na leider.)

Was mir auch positiv auffällt ist, dass die Kunden hier um einiges entspannter sind als in Österreich. Viiiiel weniger Diskussionen! Die Partner sind auch durchwegs leiwand. Und hier in Deutschland taugts den Deutschen auch plötzlich eine Österreicherin am anderen Ende der Leitung zu haben. Hier wünschen einem die Kunden auch ein schönes Wochenende wenn man ihnen eine Absage erteilt.

Besorgniserregende Veränderungen

Seit ich nach Passau umgezogen bin, habe ich in mir ein paar Veränderungen wahrgenommen, die mich mittlerweile schockieren. Zuerst dachte ich es wäre eine Phase, aber nun nach 5 Wochen denke ich, es pendelt sich so ein.

Nummer eins der besorgniserregenden Veränderungen: Schlaf.

In den ersten Tagen nach dem Umzug bin ich um 22 Uhr erschöpft ins Bett gefallen und voller Tatendrang um 7 aufgewacht. Klar, dachte ich, ich möchte ja die Wohnung einrichten und möglichst schnell damit fertig werden. Als in der Wohnung das gröbste geschafft war, bin ich noch immer um 22 Uhr schlafen gegangen und um 7 Uhr aufgewacht. Ich hielt es für Nachwehen der Anstrengungen der vorangegangenen Tage. Jetzt, nach fünf Wochen, finde ich es abartig, dass ich in diesem großen Zeitraum nur ein einziges Mal nach Mitternacht schlafen ging. Und da war es 00:03 Uhr und ich war sogar schon geduscht!!!! WTF!!!!!1!111!!

Seit zwei Wochen arbeite ich Montag bis Freitag von 8 bis 16.30 Uhr und ich habe noch immer diesen alte Leute Schlafrhythmus mit der Steigerungsform „6 Uhr aufwachen ohne Wecker“. Auch am Wochenende!

In meinem Wiener Leben und auch davor im Landleben galt der Grundsatz „wenn man mich vor 10 Uhr weckt, steht besser schon mein Bett in Flammen ansonsten spielt’s Granada.“ Und vor eins oder zwei in der Nacht bin ich sowieso nie schlafen gegangen – meine kreativste Phase war drei Uhr morgens, da bekam ich immer die schrägsten Ideen, zum Beispiel „ab morgen geh ich täglich ins Fitnesscenter und ernähre mich gesund.“ Ich muss sagen, diese Ideen gehen mir hier ab.

Nummer zwei der besorgniserregenden Veränderungen: Shopping-Saturday.

Seitdem ich in der „Weltmetropole“ – NOT – Passau lebe, nehme ich jeden zweiten Samstagvormittag den Bus in die „Innenstadt“ und komme mit vollen Händen nach Hause zurück. Na nicht dass ich Essen für die nächste Woche einkaufe. Ich fahre explizit shoppen!!!! WTF!!! In den vergangenen 5 Wochen habe ich mir zwei Pullover, zwei Blusen (!!!1!!11!) und 2 T-Shirts gekauft. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wann ich das letzte Mal in so kurzem Zeitraum so viele Klamotten gekauft habe – 2008 in New York. Und das schlimme an der Sache ist: Ich freue mich auf meinen Shopping-Saturday ab Montag nach dem letzten!!!! Und dabei gibt es hier genau keine anderen Geschäfte als in Wien – all die gleichen Vornamen- und Zweibuchstaben-Fetz’ng’schäfte. Allerdings kommt es mir so vor als hätten die hier eine beschränktere Auswahl. 🤔

Nummer drei der besorgniserregenden Veränderungen: Arbeitsdepression

Bis dato ist es mir nur einmal in meinem Leben passiert, dass mich ein neuer Job bereits in den ersten zwei Einschulungswochen so runtergezogen und fertiggemacht hat wie dieser hier. Das war Februar 2012 im Sexshop und ich habe Mitte der dritten Woche gekündigt – es war sowieso nur eine Übergangslösung (wer will mit Dildos-schlichten schon alt werden?) und ich wohnte noch bei meinem Vater, somit war es scheiß-egal ob ich Kohle hab oder nicht.

Jetzt ist die Sachlage etwas anders… und es macht mich fertig. Ja, sudern gehört zu den Österreichern wie die Zitrone zum Wiener Schnitzerl und ich suder für mein Leben gern. In jedem Job gab es irgendwas auszusetzen aber das was hier abgeht, schlägt dem Fass den Boden aus. Als ob die Firma mit der Expansion in eine ehemalige Ost-Stadt die Stasi-Methoden von dort übernommen hätte… Der Job den ich wirklich immer gern gemacht habe, quält mich nun – inklusive Albträume in jeder zweiten Nacht – als ob ich traumatisiert werde. Meine Motivation um den Arbeitstag durchzudrücken ist das Dienstzeugnis der alten Firma, das ich mir mindestens dreimal in der Woche beim Frühstück schnappe und durchlese um daran erinnert zu werden, dass ich mehr kann als strunzdumm ein Telefon abzuheben. Ich ahnte ja von Haus aus, dass das Zusammenleben einen Preis haben wird – aber ich dachte nicht, dass der so hoch sein wird. Ich dachte eher an „offene Zahnpastatube“ oder „jeden Tag Fleisch“ als an „Job der aus der Hölle kam“. Beispiel: Zwölf Leute sitzen am Telefon und warten auf einen Anruf – einer ist eine rauchen, ein zweiter darf nicht auf eine Tschick gehen bis der erste zurück ist. Telefonieren dann aber 7 und nur noch 5 sind auf Anruf-Lauer kannst die Pause vergessen. Das finde ich echt extrem – und es macht nicht einmal wirtschaftlich Sinn seine Mitarbeiter so zu melken. Kein Wunder, dass da im letzten Jahr 28 gekündigt haben.

Ich strebe momentan noch keinen Berufswechsel zur Supermarktkassa an, aber ich werde in der nächsten Woche in der Personalabteilung vorstellig werden und um Versetzung in einen anderen Bereich bitten, wo ich nicht durchgängig zwei mal vier Stunden am Tag auf den Bildschirm starren muss – immerhin werden Leute auch in anderen Abteilungen gesucht – und mein Dienstzeugnis nehme ich dafür dann auch mit und reibe es denen unter die Nase.

Trennung in Passau

Die Lügenpresse hat bei uns im Haus zugeschlagen. Alle Hausbewohner haben die Nachricht bekommen, dass in der mikrigen Biomülltonne angeblich Styropor und Plastikdosen gefunden wurden – mit Foto. Das regt mich seit Tagen auf. Denn der abgebildete Mist ist unserer. Wir wissen ganz genau, dass wir das Plastik in den Restmüll geworfen haben. Zu allem Übel wissen wir auch, dass die 5-Liter Gebinde und das TV-Verpackung-Styropor so groß waren, dass die gar nicht in die Biomülltonne gepasst hätten – schon gar nicht, so wie auf dem Foto abgebildet, nebeneinander. LÜGENPRESSE!!!! Ich bin ziemlich nahe dran, den Hausmeister anzurufen und ihn zu fragen ob er komplett deppert ist und ob er so zur Welt kam oder es erst nachträglich wurde. Es ist eine Frechheit. Leider fehlt mir aber die Beweiskraft, dass wir es richtig entsorgt haben – hab mir ja nicht gedacht, dass ich davon ein Foto machen muss. Ich fühle mich zu tiefst beleidigt und in meiner Trenner-Ehre gekränkt. What the fuck.

Dieser Vorfall hat mir den letzten Anstoß gegeben, mich mit der Abfallentsorgung in Passau zu beschäftigen. 

Seit wir hier eingezogen sind überlege ich wo ich denn die zwei Wein- und eine Wodkaflasche aus Glas entsorgen soll… ich finde einfach keinen nahen Container – also stehen sie ausgewaschen in der Küche herum und ich habe die Sorge, dass wir vor lauter Altglassammelei bald keinen Platz mehr haben – immerhin wohnen wir erst seit zwei Wochen hier und es sind schon drei Flaschen….

Ausserdem bin ich äusserst irritiert ob des unendlichen Plastikmülls den ich hier tagtäglich vom Einkaufen mitheimnehme. Ich bräuchte hier im Haus einen Plastikcontainer, einen für Papier und einen für Biomüll. Dann wüsste ich nämlich nicht was wir im Restmüll noch zu entsorgen hätten…

Schon damals als ich vom Land nach Wien gezogen bin, hatte ich ein Problem damit, dass es keinen Plastikcontainer oder gelben Sack gab, wie ich es von meinem Elternhaus gewohnt war. Aber immerhin gab es mehrere Mistinseln im Umkreis von 500 Metern, so dass mir der Weg dorthin selten zu weit und es nie ein Umweg war. Ich möchte nicht behaupten, dass ich permanent strikt getrennt habe – das wäre zu idealistisch. Natürlich habe ich auch mal alles zusammen in den Restmüll geworfen – zur Arbeitserhaltung bei der MA48. Nochdazu gab es ja keine Biomülltonne und mit einem Apfelbutzen, den Erdäpfelaugen oder der Bananenschale zum Biocontainer fünfhundert Meter zu laufen war mir dann auch zu blöd.

Zurück nach Passau: ich habe einen Artikel aus dem Jahre 2012 gefunden, in dem berichtet wird, dass der Stadtrat kategorisch und aus haarsträubenden Gründen den gelben Sack ablehnt. Also habe ich weitergegoogelt – ich wollte wissen, ob es für die zuagraste Österreicherin mit Trennungswunsch eine Möglichkeit gibt dem nachzukommen. Die Antwort ist eher unbefriedigend ausgefallen: Ohne Auto ist es, wie im oben erwähnten Artikel aus dem Jahre Schnee, tatsächlich noch immer unmöglich den Wertstoffhof zu erreichen. Der ist irgendwo, man kann bei der Lage nicht mal mehr von Stadtrand sprechen. 

Aber ich habe einen Reststoffhof gefunden, der gar nicht mal so weit weg ist – also fußläufig. Leider hat der heute geschlossen und auch die nächsten Tage nicht geöffnet. Somit tu ich mir zeitnah etwas schwer dort zu recherchieren ob sie eigene Säcke haben für den Kunststoff – den würde ich dann nämlich wirklich sammeln und hinbringen. Einmal in der Woche kann man das ja machen und der Mist ist ja auch nicht gerade schwer zu tragen. Ansonsten muss ich uns halt große Säcke besorgen in dem wir den dann reinstecken können.

Ich würde gerne wissen, was Passau so mit dem ganzen ungetrennten Restmüll macht. Auch für diese Recherche würde ich ein Auto benötigen, der Müllhof ist irgendwo, und ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass im Rathaus keiner eine Ahnung hat. 

Auch einen Abfallabholkalender habe ich mir runtergeladen. Von den Abholzeiten bin ich schockiert. Unser 30-Parteien-Wohnkomplex hat eine kleine Biotonne (Leerung 2-wöchentlich, auch im Sommer), zwei Papiercontainer (Leerung ein Mal im Monat) und einen Restmüllcontainer (für den gibts wenigstens wöchentlich die Chance geleert zu werden). Bin ja gespannt ob wir da einen zweiten bekommen…. aber so wie ich das schon von Salars alter Wohnung kenne, warscheinlich nicht. Da gabs bei 70 Wohnungen zwei Container und am Wochenende vor und nach der Leerung stand der Mist schon davor herum. Ganz gschmackig.

Die näheste Wertstoffinsel habe ich übrigens mit Hilfe der Suchmaschine gefunden, ich Googlequeen. Da werde ich jetzt mal hinreisen – zur Entsorgung und zum Lokalaugenschein.

So viele nette Leute hier

sagt Salar jedes Mal wenn wir am Busbahnhof sind. Und ich muss sagen, es sind ausgesprochen viele ausgesprochen nette Leute in Passau.  Prozentuell definitiv mehr als in Wien, in der Anzahl aber sicherlich doch weniger.

Wenn wir von netten Leuten sprechen, meinen wir das Gsindl. Ja, es ist nicht politisch korrekt Alkohol- und/oder Suchtkranke so zu bezeichnen. In meinem gesamten Dasein auf diesem Planeten ist mir eine Ansammlung in größerem Ausmaß nur noch einmal untergekommen – und das war im Mai auf unserer Deutschlandtournee in Wuppertal (ich war schon mehrfach in New York). Und dort haben wir nur 90 Minuten verbracht – einmal die gesamte Schwebebahnstrecke und zurück.

Heute bin ich mal wieder reingefahren in die Stadtmitte. Ich fühle mich dort aber ehrlich gesagt nicht wirklich wohl, wenn da überall suchtkranke Menschen herumlungern, denn ich finde ein G8-Land wie Deutschland hat das nicht nötig. Ein bissi Abgeranztheit finde ich ja gar nicht mal schlecht – ich mag und mochte auch die  abgefuckten Grätzel in Wien. Aber im Gegensatz zu hier habe ich mich dort nie wirklich unwohl gefühlt. Meine „Hausubahnstation“ in Wien war das „Drogenzentrum NEU“. Ich bin da zu jeder Tages- und Nachtzeit unterwegs gewesen (irgendwie muss man ja heim) und ich hatte nie ein mulmiges Gefühl – eventuell lag das ja an der Polizeipräsenz. Es wird dort mindestens viermal am Tag patroulliert. Hier am Land in Niederbayern fühle ich mich aber unsicher. Ich glaube fast die  Pfandflaschenstirrler und Billigbier- sowie Rauschgiftkonsumenten sind nach den Touristen die zweitgrößte Minderheit hier. Dann kommt lange nix – dann kommen ausländische Mitbürger. Urlustig, jedes Mal wenn ich hier eine andere Hautfarbe sehe als die meine, fällt mir das auf – in Wien wahahaha da war ich den größten Teil meines Fortgehlebens definitiv die Minderheit.

Zurück zum Gesox: Es ist UNPACKBAR! Ich habe überhaupt nix gegen den Stinki am Bahnhof der von Februar bis November im Unterleiberl herumläuft – wenn es richtig heiß ist auch ganz barbusig, im Winter immer bejackt. Und auch den ungefähr im selben Zeitrahmen immer bloßflüßig herumlaufenden, mit sich selbst streitenden „Müllmann“ finde ich in einer absonderlichen Weise leiwand. Aber die einmarinierten 16-45 jährigen am ZOB (=zentraler Omnibusbahnhof) finde ich abstoßend. Bei denen denk ich mir immer „wennst mein Kind wärst, ich würd dich abfotzen bis es nimmer geht“- und dabei bin ich hundertprozentige Verfechterin der gewaltfreien Erziehung. Wenn ich gut drauf bin, erzähle ich Salar immer was ich glaube was der eine oder die andere gerade denkt, wenn sie so in die Leere starren….

Nein, sie haben mir bis jetzt nichts getan – sie haben mich ja noch nicht mal angesprochen oder überhaupt bemerkt. Dennoch verstört mich deren Anblick extrem und ich frage mich warum es gerade hier in Deutschland so viel Ruaß gibt und warum man sich darum nicht kümmert? Ich wünsche mir keine Ghettoisierung oder Vertreibung von den Brennpunkten – das ist nur eine Schwerpunktverlagerung und löst das Problem nicht. Aber ich wünsche mir Sozialarbeiter die da dreimal die Woche hinschauen und einen Caritas-Arztbus einmal wöchentlich und eine Vinzirast der Caritas, wo sich Obdachlose ihr Süppchen wärmen können. Das gibt es. Das weiß ich. Ich habe es in Wien sehr oft gesehen. Und zusätzlich, so glaube ich, benötigen gerade Jugendliche in Deutschland sowas wie Moralunterricht. Ich war heute in einem Nichtnurdrogeriemarkt in der Schreibwarenabteilung und habe dem Mädel das neben mir großzügig Washi-Tape mitgehenlassen wollte, obwohl ihr Vater eine Reihe weiter gerade Klarsichthüllen inspizierte, folgenden Rat mitgegeben: „gib dein Geld nicht nur für Kosmetika aus, dann kannst du dir die Klebebänder auch noch am Monatsende leisten.“ – Sie hat sie zurückgelegt und ich habe sie bis zu – Achtung! österreichischer Filminsider – „den Haarfestigern verfolgt“.

Beamte sind keine Menschen

Montags bin ich voller Elan und schmerzender Glieder aufgewacht und dachte mir: „Heute kann es nichts schöneres geben als mich anzumelden!“ 

Ich habe in den Wochen vor meinem Umzug zwei Ordner angelegt: einen mit allen Unterlagen, die ich in Wien benötigte und einen mit allen Unterlagen, die ich in Passau benötigen werde. Diese zwei Ordner lagen in der alten Wohnung bis zuletzt am Küchentisch neben der Espressomaschine und waren wirklich die letzten die ich schnappte als wir die Wohnung verließen – um sicher sein zu können, dass sie greifbar sind wenn ich sie brauche. 

Ein paar Tage bevor wir umgezogen sind, habe ich nochmals beim Bürgerservice in Passau angerufen und nachgefragt ob sie die Wohnungsgeberbescheinigung physisch benötigen oder ob es elektronisch – also auf meinem Smartphone – reicht. Man teilte mir mit, elektronisch sei völlig OK.

Frohen Mutes bin ich an diesem sonnigen Montag losgezogen in die Innenstadt. Am Weg zum Rathaus dachte ich mir, wenn ich schon mal hier bin kann ich auch gleich die Jahreskarte für den Bus beantragen. 

– „Grüß Gott,  ich möchte bitte eine Jahreskarte beantragen.“

– „Homma ned.“

-„Auf Ihrer Homepage habe ich eine andere Information erhalten.“

-„Joahreskoartn homma K-A-A-N-E.“

Okay, denke ich mir, probier es anders…

-„Ich würde gerne 12 Monate mit dem Bus fahren ohne jede Fahrt einzeln bezahlen zu müssen – haben sie da was im Angebot?“

-„Wia hom a 12-Monate-ABONNEMENT.“

-„Na wunderbar! Ich glaube das kommt nahe ran an eine Jahreskarte! Ich würde gerne ein 12-Monate-ABONNEMENT beantragen.“

-„Do. Füllens aus. Do sans eh scho knapp draun für November. Heit is da letzte Tog.“

-„Danke, sehr freundlich. Man kann sich nicht aussuchen, wann man umzieht.“

Ich dachte, die größte Hürde wäre geschafft.

Nope.

Rein ins Rathaus. Massive Traube vor der Türe. Nach mir mehr Leute. Dann große Diskussion wer nach wem an der Reihe ist. Ich sag „Wir könnten ja eine Schlange bilden, dann wäre es einfacher.“ Die schauen mich an als wäre ich geistesgestört. Ich: „Sorry, ich bin nicht von hier.“

Endlich. Ich bin dran. Meine Unterlagen in der Hand. Die Wohnungsgeberbescheinigung am Smartphone. 

-„Grüß Gott, ich möchte mich gerne anmelden. Hier sind alle Unterlagen.“

-„Was soll ich damit?“

-„Das weiß ich nicht. Ich würde gerne eine Anmeldung vornehmen lassen.“

-„Jo oba so geht des ned.“

-„Warum? Alle Unterlagen sind da. Ich habe mich mehrfach telefonisch und im Internet erkundigt.“ 

-„Na oba wos is des do?“  und deutet auf mein Telefon.

-„Na die Wohnungsgeberbescheinigung.“

-„Wie stellen Sie sich vor, dass das funktioniert?“

-„Ich denke, sie lesen die Daten ab?!?“

-„Hören Sie, die brauche ich.“

-„Okay, was genau wollen Sie jetzt von mir? Am Telefon hat man mir gesagt, das reicht so aus. Und ich habe HIER IN DIESEM BÜRO angerufen.“

-„Do. Mailnsas mia.“

-„Haben Sie hier W-Lan?“

-„Na.“

-„Wo gibt es denn das nächste W-Lan?“

-„Waß i ned. Mochns es afoch vun dahoam.“

-„Schauns. Ich bin gestern aus Österreich umgezogen. Glauben S‘ im Ernst, dass wir schon ein Internet haben?“

-„No dann druckens es aus.“

-„Ich ergänze um:und den Drucker ausgepackt?“

-„Dann kommens halt wann anders wieder. Sie haben zwei Wochen Zeit.“ 

-„Guter Mann, ich komme aus Österreich, wie Sie meinem Pass entnehmen können. Ich bin seit 5 Tagen offiziell obdachlos. Ich habe von ihrem Arbeitsplatz die Info bekommen es funktioniert so.“

-„Nein. – NÄCHSTER!“

Ich habe das Büro mit einem „Scheiß Piefke!“ verlassen. Sehr lange war ich schon nicht mehr so angefressen wie an dem Tag. 

Am Abend haben wir dann auf gut Glück mein österreichisches W-Lan angesteckt und es funktioniert einwandfrei. 

Am Dienstag hab ich dem Beamten-Heinzi meine Wohnungsgeberbescheinigung gemailt mit der Info diese im Bürgerzentrum Passavia verfügbar zu machen – ums Verrecken wollte ich nicht mehr ins Rathaus zu den Sautrotteln und ausserdem wollte ich auschecken ob das dort auch funktioniert.

– „Grüß Gott. Ich würde mich gerne Anmelden lassen. Hier sind alle meine Unterlagen.“

-„Wo ist die Wohnungsgeberbescheinigung?“

-„Die müssen Sie schon längstens haben, die habe ich heute morgen an Herrn XY gemailt.“

-„Wer ist das?“

-„Ihr Kollege.“

-„Wo?“

-„In der Arbeit.“

-„Kenne ich nicht. So geht das nicht.“

-„Hier ist die Visitenkarte. Also ich denke schon, dass der fürs Rathaus arbeitet.“ (immerhin ist der genausodrauf wie Sie)

-„Na.“

-„Wie bitte?“

-„Bringens mir das im Original.“

-„Das Original ist auf meinem Handy“

-„Na dann drucken S‘ es aus.“

Aus dem Off:

-„San Sie die Frau XY?“

-„Jaaaaaaaa!“

-„Do is wos kumman.“ und bringt ein Fax.

-„Nau do homs no amoi Glück ghabt.“

-„Oder Sie.“

– tipp tipp tipp

-„Können Sie die bitte gleich für meinen Lebensgefährten verfügbar halten? Der kommt in den nächsten Tagen.“

-„Den Zettl kennans mitnehmen. Den brauch I ned.“

WHAAAAAAAT THE FUCK?!?

-„Aha, danke.“ – „Wissen Sie vielleicht ob ich den Meldezettel immer bei mir haben muss? Wegen der Ausweispflicht? Auf dem deutschen Personalausweis steht ja die Adresse…“

-„Weiß ich nicht.“

-„Wissen Sie wer das wissen könnte?“

-„Nein.“

-„Danke.“

OIDA! Da frag ich mich ernsthaft was in deren Jobdescription drinnensteht! Ich meine, wer ist hier in Deutschland erste Ansprechsperson für bürokratische Fragen? Gibt es hier irgendjemanden der sich über den eigenen Tellerrand hinaus interessiert? Kennt hier irgendjemand mehrere Begriffe für ein und das selbe Ding? 

UND: Ich bete zu Gott, dass ich NIE NIE NIE so desinteressiert, einfältig und willenlos werde, wie die Menschen hier sind.