Schlaft, Eltern, schlaft…

Sechs Wochen sind wir jetzt schon Mama und Papa. Alles ist anders. Alles ist schöner. Alles fühlt sich näher an.

Besonders der Schlaf. Ich wußte schon, dass Morpheus seine Arme für mich nur noch zitzerlweise ausbreiten wird. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass ich es mir selbst so schwer machen würde!

Ich dachte, ich werde nicht nur tagsüber sondern auch in der Nacht eine entspannte Erstlingsmutter sein… LOL.

Da man ab dem Zeitpunkt der Geburt permanent ungefragt mit dem SIDS konfrontiert wird, stieg da von ganz alleine eine ungesunde Panik in mir auf. Herrgott, ich wußte schon (immer), dass ein Baby keinen Polster braucht, am Rücken liegen und in einen Schlafsack gesteckt werden soll, damit man sich am Kind möglichst lange erfreuen kann. Aber die meisten „(pseudo)professionellen Kinderbeschützer“ fühlen sich durch ein „weiß ich alles“ noch mehr angestachelt es bis ins kleinste Detail bei jeder Gelegenheit zu wiederholen. Das führte bei mir zu folgendem Verhalten: bei jedem Grunzer meiner Erstpressung bin ich hellwach. Und mein Baby grunzt viel. Also eigentlich ständig, wenn ich sie ablege. Besonders wild ist es, wenn es tagsüber viele neue Eindrücke gab. Wir wissen mittlerweile, dass das normal ist und uns wurde geraten „bloß nicht darauf zu reagieren, sonst bleibt das so“ und wenn es uns zu sehr nervt sollen wir „das Kind in einen anderen Raum bringen“. Das hat die mittelalterliche Kinderärztin gemeint. Hat wahrscheinlich bei Mengele studiert. Wie herzlos ist das bitte?! Ich bin eine Kämpferin für kindgerechtes Aufwachsen ohne herzlose Herumerzieherei. Ich gehe davon aus, dass entweder das entwicklungsbedingte Grunzen aufhören wird oder ich mich daran gewöhnen werde.

Ursprünglich hatten wir uns überlegt das große Gitterbett an die unserem Bett gegenüberliegende Wand zustellen. Diese Idee wurde allerdings schon im Spital als nicht umsetzbar verworfen, da wir beide die Kleine doch gerne in Reichweite haben wollten. Also haben wir ihr Bett ans Fußende des unsrigen geschoben und beschlossen verkehrt herum zu schlafen. Das haben wir cirka drei Wochen durchgezogen, bis ich bekannt gab, dass mir das „Aufwachen-Brille suchen- Aufsetzen-Umdrehen-Schauen-Für nix“ extrem zu mühsam ist und mindestens zehn Minuten Schlaf raubt pro event.

Seither liegt die Grunzerin auf meiner Bettseite, ich liege dort wo größere Doppelbetten eine Besucherritze haben und der Papa liegt auf einem Matratzenrest von „damals in der Armee hatte ich mehr Platz im Feldbett“-Größe die je nach Nacht zwischen 15 und 50 Zentimetern Breite schwankt. Ich habe dem Papa schon mitgeteilt, wenn er mein Stillkissen nicht zwischen die Beine klemmen würde, hätte er mehr Platz. Daraufhin meinte er, ich könne ihm „Würde und Schlafplatz stehlen, aber nicht „sein“ Stillkissen“ und „es sei faszinierend, dass in Länge 56 Zentimeter Mensch eine Bettbreite von 100 Zentimetern benötigt.“ Es ist auf Grund seines (des Papas) unruhigen Schlafes leider keine Option das Kind in die Mitte zu legen, also benötigt es als Pufferzone zum Bettrand eben mehr Platz.

Wir sind alle Optionen durch, haben unser Bett mehrfach verschoben. Es hilft alles nichts. Bis wir uns daran gewöhnt haben, dass unserem Kind auch dann nichts passiert wenn wir unsere Augen geschlossen haben, benötigen wir ein kleines Beistellbett. Das habe ich gestern bestellt. Wir hoffen es kommt noch vor dem Wochenende an. Wir würden nämlich gerne mal Beischlaf als Eltern praktizieren oder einfach nur mal vier bis fünf Stunden Schlaf am Stück vor der nächsten Milchmahlzeit, das wäre auch schon was.

Zahl der Woche: 4850

„Stillen Sie?“ fragte die Arzthelferin als ich mein nacktes Baby zur Waage brachte.

„Natürlich!“ antwortete ich und wuchtete M. auf die Waagschale.

„Na das ist ja mal ganz schön ordentlich“ meinte die Oma aus dem Off, die diese Woche zu Besuch da war.

„Urleiwand,“ sagte ich und grinste wie ein Hutschpferd.

Meine Tochter wiegt 4850g und ist 1 Monat alt. Sie hat die Hälfte des Geburtsgewicht zugenommen.

Der Opa meint, wenn sie weiter so zulegt wiegt sie in 2 Jahren 46 Kilo.

Der Papa nennt sie nur noch „mein dickes Mädchen“.

Und ich bin einfach nur glücklich, dass das mit dem Stillen so gut klappt und sie jeden Tag ein bisschen mehr wie ein Michelin-Männchen aussieht. Das wächst sich ja aus. 😊

10 Dinge, die ich bei Schwangerschaft 2.0 anders machen werde

Jetzt ist meine Erstpressung gerade mal drei Wochen alt und ich denke schon über wieder schwanger werden nach. Ha! Das tat ich schon im Kreißsaal! Als die PDA endlich wirkte (ich erzähl die Horrorstory dazu nicht) musste ich dem zweiten Anästhesisten (der erste gab auf) versprechen im nächsten Jahr wieder zu kommen, damit er mir zeigen kann, dass man auch ohne Qualen schmerzfrei werden kann. Außerdem werde ich ja auch nicht jünger.

Seither sehe ich überall optimierungsbedarf:

1. Ich werde die SS 2.0 mehr genießen. Bei dieser hatte ich viel zu viel Angst vor allem und war so extrem unsicher.

2. Ich werde einen Geburtsvorbereitungskurs besuchen. Der Crash-Kurs „meiner“ Hebamme zwischen den Wehen war super und a la minute aber nun interessiert es mich doch ein bisschen mehr.

3. Ich werde tatsächlich vorkochen fürs Wochenbett 2.0. In den letzten drei Wochen war der Papa schon sehr häufig beim Fastfood-Restaurant und auch jeder Lieferdienst kennt uns hier mittlerweile. Das geht ins Geld.

4. Die Tasche fürs Krankenhaus wird ein Täschchen: ein paar Nachthemden, warme Socken, Shampoo, Duschgel, Zahnpasta, -bürste, Ladekabel, Flipflops, Schokolade. Ende. Mehr habe ich nicht benötigt.

5. Ich werde im Wochenbett tatsächlich nichts anderes machen als im Bett bleiben. In der ersten Woche musste ich so viele Ämter heimsuchen und Besorgungen machen, das hat mich – obwohl top vorbereitet – ziemlich geschlaucht und war auch körperlich nicht gut (Blutung stoppte, starke Schmerzen, Fieber > zurück ins Krankenhaus). Jetzt liege ich tatsächlich nur herum, kuschel und kümmere mich ums Küken und mich und es geht allen besser.

6. Ich werde darauf bestehen, dass der Papa zumindest eine Woche frei hat. Sofort alleine zu sein ist wirklich eine Herausforderung.

7. Keine Besuche in den ersten drei Wochen. Ich habe mich über jeden Besuch sehr gefreut und sie auch genossen – aber rückblickend waren sie zu viel.

8. Ich werde mich mit squats vorbereiten. Ich habe total unterschätzt wie oft ich ohne freier Hand von Sitzgelegenheiten aufstehen muss. Das geht ganz schön in die Oberschenkel.

9. Ich werde von Anfang an daran denken, dass nur eine ausgeglichene Frau eine ausgeglichene Mutter sein kann. Die Betonung liegt auf Frau. Denn ich muss gestehen, ich vergesse noch immer hin und wieder, dass ich genauso wichtig bin wie mein Baby.

10. Wir werden von Anfang an Stoffwindeln verwenden. Diese Müllberge sind irre.

Zu guter Letzt ein Bonuspunkt: Sechs Wochen auf diverse wichtige Dinge verzichten zu müssen, über die man davor nicht nachdenkt, bringen mich zu der Überzeugung man kann während der Schwangerschaft nicht genug schwimmen, Vollbäder nehmen oder Sex haben. 😁

Gut, dass Sie anrufen, wir hätten da ein paar Fragen…

Als ob ich es geahnt hätte…

Ich hab irgendwo online gelesen, dass man nicht „einfach so“ aufs Standesamt fahren soll um die Geburtsurkunde abzuholen, sondern man sollte vorher anrufen und fragen ob sie fertig ist.

-„Ma, Frau Z., gut, dass Sie anrufen, wir hätten da ein paar Fragen… Wie sollen wir denn den Namen Ihrer Tochter schreiben? Wir haben da vom Spital drei verschiedene Varianten übermittelt bekommen: mit I, mit Y und einmal mit N hinten…“

-„Interessant..ich bin mir sicher, bei der richtigen Schreibweise unterschrieben zu haben….Mit N wärs ein Männername…mit Y in der Mitte bitte.“

-„Jo und dann soll des Kind nochn Vater heißen?“

-„Richtig.“

-„Dazu brauchen wir vom Vater die Einverständniserklärung. Dazu müsstens beide aufs Amt kommen, die dürfte man ihnen im Spital anscheinend ned geben haben.“

-„Leiwand!“

-„Ah jo. Und dann haben wir gestern no die Info bekommen, dass sie Österreicherin sind. Wir brauchen dann noch den Staatsbürgerschaftsnachweis und ihre Geburtsurkunde.“

-„Das hatte ich alles im Kreißsaal mit, da hat das niemanden interessiert.“

-„Komisch..dann bringens des halt mit wenns kommen.“

Mittlerweile weiß ich warum es niemanden interessiert hat. Meine Tochter wurde kurz vor Schichtwechsel geboren. „Meine“ Hebamme hat sich noch um die Versorgung des Kindes gekümmert und die Ärztin hat noch genäht – ging sich alles bis 6 Uhr aus. Die die danach Dienst hatte, hatte den undankbaren Job hinter uns sauber zu machen und sich um den Papierkram zu kümmern. Deshalb steht auch im Entlassungsgeschenk der falsche Name, die falsche Hebamme und die falsche Ärztin. Man hat mich geradeso nicht als kleinlich bezeichnet als ich am Tag der Entlassung darauf Bestand im Untersuchungsheft und in meinem Mutterpass die Staatsbürgerschaft von D auf A zu ändern – ich gehe davon aus, dass da dann auch dem Standesamt Bescheid gegeben wurde.

Natural Born Stiller

An dieser Stelle reicht ein kleines Update:

Meine Erstpressung hat am Freitag kurz vor 6 Uhr morgens nach 27h Wehen das Licht der Welt erblickt.

Das waren somit nur 30h später als der errechnete Termin. Ich bin stolz auf uns.

Ich bin mir sicher, in nächster Zeit fallen ein paar Schreibthemen an – ich sag nur Bürokratie. Allerdings wird sich erst zeigen wie tagesaktuell ich darüber berichten werde – meine Tochter kommt jetzt mal zu erst, denn ein Baby wird sie laut Statistik wohl nicht lange bleiben.

Wir sind alle gesund und munter (und deshalb dauermüde). Sie hat mit Geburtsschrei erst 2x geweint und stillen klappt seit dem ersten „Versuch“ in Lebensminute 30. 😁

Teil 2″Also das ist ja eine echt außergewöhnliche Geschichte…

…die solltest du mal aufschreiben!“

Wir sind an diesem Wochenende im September 2015 noch fünf Mal an der Grenze gewesen und haben Familien aus allen Herkunftsländern geshuttelt: Irak, Syrien und Afghanistan. Die meisten sprachen kein Englisch aber alle Menschen sprechen „Hände und Füße“ und wenn man sich auf Augenhöhe begegnet, dann ist das sehr sehr einfach.

Am Sonntag waren wir schon sehr zeitig am Grenzcamp und außer Polizei und den gierigen Taxlern aus Wien, Niederösterreich, Burgenland und sogar Oberöstereich, die pro Nase 100€ kassierten für 45km Strecke war eigentlich niemand zu sehen. Ja, Scheiße, was macht man da?

Ich bin auf die Polizisten zu und fang zu plaudern an:

– „Servas! Hut ab vor eurem Job! Ich könnt das nicht…“

-„Wos woin se do? Flüchtling schaun?“

-„Nein, ich würd gern welche nach Wien bringen…aber irgendwie ist da ja niemand…“

-„Sie wissen dass des illegal ist?“

-„Ahsoo? Sagt wer? Die Taxler verlangen einen hunderter pro Kopf und das ist nicht illegal? Ich würds gratis machen. Bonuspunkte fürn Himmel sammeln.“

Der Polizist hat gerade angefangen mit seiner Aufzählung an Schleppereigesetzen als sich ein Kollege dazugesellte: „Bist du deppat? Die hüft uns! Geh weida mit deine Paragraphen!“ und zu mir gerichtet:“ Du, sorry, des ist der erste Tag an der Grenze fürn Kollegen. Wieviele könnts mitnehmen?“

-„Wir haben einen Passat. Also drei.“

Polizist lacht.

-„Do gengang si locker viere aus. De san eh so dünn!“

-„Aber das ist nicht legal dann..was wenn uns ein Kollege von dir aufhält?“

-„Schleppen tuast owa ned mehr mitnehman?“

-„Irgendwo muss man ja im legalen Rahmen bleiben und wir nehmen ja nur mit, wir versteckens ja nicht.“

-„Oiso guad. Drei. Wünsche?“

-„Keine Männergruppe. Am liebsten eine Familie.“

-„Woat do.“

Er zieht von dannen ins Camp. Kommt wieder ins Sichtfeld und schreit:“Gengan drei Jugendliche a? Do is a Madl dobei!“

-„Ja, passt. Nehma!“

-„Kennts es danach wieda kumman? I hob grod übern Funk gheat do kammatn no 30-50.000…do kenntast donn söwa aussuachn…“

-„Schauma mal. Danke.“

Diese drei Jugendlichen waren der Grund, dass Salar und ich uns kennenlernten. Denn die Kids hatten Verwandtschaft in Wien und die hat unsere Aktion beeindruckt. Die Cousine die eigentlich aus Essen war aber in Wien lebte lud mich am Montag zu sich ein. Wir verstanden uns super und die Kids wollten, dass ich am nächsten Tag zum Bahnhof mitkomme zur Verabschiedung, denn sie wollten weiter nach Deutschland.

Okay, dachte ich….ich hab sowieso frei.

Mittlerweile war die ungarische Grenze so gut wie dicht und der Grenzübergang Nickelsdorf so gut wie leer. Shutteln mussten wir nicht mehr.

Allerdings waren die Bahnhöfe komplett überlastet und wer schlau war (oder ortsansäßig) fuhr von einem Nebenbahnhof weg. Also bin ich mit den Jugendlichen nach Meidling gefahren um sie dort easy peasy in den Zug zu setzen.

In Meidling erkannte ich den Ernst der Lage – einige wenige Flüchtlinge, die keinen blassen Dunst hatten von wo wohin die Reise geht. Also habe ich beschlossen am Bahnhof zu bleiben und zu helfen, Zugtickets zu kaufen und dann auch in den richtigen Zug einzusteigen. Dann kamen mehr Flüchtlinge und ich begann Spenden von Passanten anzunehmen um Essen und Trinken zu kaufen und manch ein Wiener stand dann plötzlich mit Wasser und Bananen vor mir „für de Oamen“. Das war mir weitaus lieber als Geld anzunehmen, denn so musste ich meinen Platz nicht verlassen. Also über social media einen Promi angeschrieben, der in der Flüchtlingshilfe aktiv war und gebeten zu veröffentlichen, dass es in Meidling auch Hilfsbedürftige gab – was sie auch gemacht hat und zu einigen Sachspenden mehr führte. Ich fand das zugegebener Maßen sehr geil.

Und irgendwo hier habe ich Salar laut seiner Erinnerung angesprochen und gefragt ob er Englisch kann und die Familie vor mir fragen kann ob sie was brauchen…. daran kann ich mich allerdings nicht erinnern, ich habe mit so vielen Menschen gesprochen…wie könnte ich mich daran erinnern….

Es wurde Abend über Meidling und die Gänge wurden leerer und ich konnte mich guten Gewissens aus den Katakomben auf den Bahnsteig wagen um zu sehen was sich da so tut.

Da standen sechs junge Männer herum und etwas weiter weg saß eine junge Frau. Einer der Männer unterhielt sich mit einem Österreicher, der auch spontan am Bahnhof blieb um zu helfen.

„Staying in Syria would have meant to have two option: to kill or being killed. None of these would have worked for me.“ hab ich im Vorbeigehen aufgeschnappt und ich war wie elektrisiert. Ich dachte nur „fuck ja! Der hat vollkommen Recht! Ein Satz reicht auf die Frage „Warum bist du hier?““

Ich war mit Wasser und Bananen bewaffnet und fragte die ganze Gruppe ob sie was davon wollen. Sie lehnten ab. Also ging ich zu der Frau. Ich werde den Blick meiner baldigen Schwägerin NIE vergessen. In meinem gesamten Leben habe ich aus einem Augenaufschlag nicht so viel rauslesen können wie aus ihrem. Wir lachen heute alle darüber und anstelle von „das einser Menü der Flüchtlinge“ ist es „das was Europäer als freundlich gemeinte aber nicht so empfundene Geste Fremden anbieten.“

Also ging ich zurück zu der Männergruppe, denn ich wollte mehr davon hören was der englischsprechende zu sagen hatte.

Um nicht ganz so auffällig zu lauschen beschloss ich meine eigenen Bedürfnisse hintanzustellen und fing an mit den anderen herumzublöden. Keiner sprach so richtig Englisch und mein Arabisch war auch damals schon – nun ja – bis auf „yalla yalla“ (gemma gemma) und „shukran“ (Danke) nicht vorhanden. Aber die lustige Herrenrunde sagte dauernd „Say …..(irgendwas arabisches)“ und ich hab es halt gemacht und die hatten sehr, sehr viel Spaß… leider können sie sich nicht mehr daran erinnern. Woran sie sich aber alle erinnern können ist folgendes:

Salar hat dem Österreicher am Boden auf ein Blatt Papier seinen social media account aufgeschrieben und ich bin mit meinem Handy zum Zettel gesprungen und hab ein Foto gemacht. Das hat die Gruppe sehr beeindruckt, denn mittlerweile weiß ich, dass das länger Gesprächsthema war.

Ich ging dann irgendwann zum Westbahnhof ohne zu wissen was aus der Gruppe werden würde oder wo sie hinwollten und wann. Ich ging, weil der letzte Zug nach Alemania an diesem Abend bereits abgefahren war.

Als ich zu Hause war, habe ich eine Anfrage an Salar geschickt, die er prompt angenommen hat. Viel war damals schon nicht auf seinem Profil zu sehen.

Am nächsten Tag stand ich pünktlich eine halbe Stunde vor dem ersten Deutschlandzug am Bahnhof Wien-Meidling. Kurz nach mir kam die Frau mit dem argen Blick – meine Schwägerin – und ich schrie ihr nur entgegen „good morning! where is your brother?“ „Coming….“ und ein Fingerzeig nach hinten war die Antwort. Dann kam Salar und schrie „I already added you!“ und ich schrie „i know!“ Dann habe ich mal herausgefunden wohin die Truppe eigentlich wollte und habe die neuesten Entwicklungen kundgetan – also ihm gesagt, dass sie wohl in Passau aus dem Zig geholt werden, aber Passau dann schon Deutschland ist.

Der ICE kam und Salars „letzte Worte“ waren:

„I really hope its not colder in Germany than here, this is all I have.“ und zeigte an sich entlang.

In diesem Moment war es um mich geschehen. Ich wollte in den Zug reinschreien „Please dont go! Stay!“, besinnte mich aber eines besseren. Nein, dachte ich, das einzige, das ich wirklich will, ist, dass er glücklich wird.

Scheint geklappt zu haben 😁

Teil 1″Also das ist ja eine echt außergewöhnliche Geschichte…

…du solltest die aufschreiben!“ höre ich jedes Mal wenn man mich danach fragt, wie ich Salar kennengelernt habe und nach der Kurzversion „am Bahnhof“ dann doch die lange Geschichte hören will.

Ich finde sie vielleicht ein bisserl kurios aber bei weitem nicht so spannend wie andere. Nun gut, man soll die Leserschaft bei Laune halten und ich habe momentan noch etwas Zeit diese Geschichte niederzuschreiben.

Es war im heißen Spätsommer 2015, als ein Arbeitskollege und ich bereits unser letztes nicht mehr getragenes Hemd ins Flüchtlingslager Traiskirchen geschickt hatten und uns die Masse an Menschen die nach Europa aufbrachen, jeden Abend heulend Runden im Hof unserer Firma drehen ließ. Irgendwie muss man doch auch dann noch helfen können wenn man schon alles gegeben hat! Es war eine emotional sehr aufreibende Zeit. Wir fühlten uns machtlos und hilflos. Und oft waren wir auch besonders wütend, wenn wir mal wieder im Großraumbüro unmenschlich rechtes Gedankengut mitanhören mußten und dem manchmal mit einem „hoit doch dei deppate Goschn“ versuchten Einhalt zu gebieten. Manchmal ganz einfach deswegen, weil wir müde waren.

Dann kam über Nacht der Kälteeinbruch mit Regen und Ungarn hat beschlossen die Grenzen dicht zu machen. Der Strom an Menschen die nach und durch Österreich wollten wurde zur Sturzflut.

Mein Kollege und ich hatten Spätschicht am Donnerstag und auch am Freitag. Freitag gegen 8 Uhr morgens läutete mein Handy. Der Kollege war es. „Was ist, Isa? Fahren wir?“ Mehr musste er nicht sagen. Ich wußte was er meinte. „Ich bin in 25 Minuten bei dir.“

Wir mußten einfach an die österreichisch-ungarische Grenze und helfen. Auf Grund von social media wußten wir, dass die Autobahn vor der Grenze dicht ist und wir wußten wir müssen davor abfahren um uns am „Landweg“ anzunähern. Es regnete in Strömen und es war arschkalt. Plan hatten wir keinen. Aber irgendwie war uns klar wir sammeln wen auf und bringen die Person/die Personen nach Wien zum Bahnhof.

Das was ich da mit meinen eigenen Augen direkt vor mir gesehen habe, werde ich in meinem ganzen Leben nie vergessen: Eine dreißig Kilometer lange Schlange an Menschen wanderte da am Straßenrand entlang Richtung Hoffnung. junge, alte, junge die alte auf dem Rücken trugen, junge die noch jüngere in den Armen hielten….alle schmutzig, alle nass, alle ohne einem Stückchen Gepäck. Wen fragt man denn da ob sie mitgenommen werden wollen? Wir hatten ja nur einen Passat! Wie sucht man da aus? Und was sagt man zu denen die man nicht mitnehmen kann?

Wir fuhren die Kolonne bis zum geopolitischen Ende am Grenzübergang. Da hinten wurde die Schlange für den Moment etwas lichter… Wir beschlossen, keine Männergruppe mitzunehmen (denen trauten wir den letzten Weg auch noch zu) sondern nach einer Familie Ausschau zu halten mit möglichst kleinen Kindern, da würden mehrere auf die Rückbank passen. Und dann sah ich sie. Mein Kollege stoppte und sagte „Sprich du mit denen. Dann fahren sie fix mit uns mit.“ Ja was sagt man denn da? Ich entschloss mich für ein Lächeln und ein „Train station Alemania?“ und das ältere Kind schrie „Yessssss!“ und zog die Mutter in meine Richtung. Die Mama war Lehrerin und sprach ein bisschen Englisch. Ich stellte uns vor, sie stellte sich vor, ich erklärte ihnen wo sie sind, wie weit es nach Wien ist, wo wir sie absetzen werden und dass wir das definitiv gratis machen. Ich habe ein Wifi im Auto eröffnet und sie konnte mit ihrer Famile oder Freunden oder wen auch immer telefonieren. Den Kindern gab ich mein Handy und ließ sie ein paar Barbapapa-Folgen auf Deutsch schauen. Der Papa ist gleich eingeschlafen als er bei uns im Auto saß. Mit der Mama habe ich geplaudert und ihr bei jedem Schild auf der Autobahn gezeigt, dass wir wirklich Richtung Wien fahren. Uns war es wichtig der Familie ein Gefühl von Sicherheit zu geben und am einfachsten ist das mit Reden und zeigen und erklären.

Als wir am Westbahnhof angekommen sind, wühlte ich mich mit der Familie durch bis zu einem arabischen Infostand. Ich gab der Mama noch schnell meine Telefonnummer und meinte es wäre nett, wenn sie sich mal meldet und erzählt ob alles geklappt hat.

Mein Arbeitskollege und ich waren mit den Nerven fertig und beschlossen, wir bräuchten vor der Arbeit noch Stärkung. Es war bereits 5 vor Arbeitsbeginn und ich rief in der Firma an um Bescheid zu geben, dass wir später kommen, wir müssen nach dem Shutteln der syrischen Familie noch was essen. „Das könnts nicht machen!“ war die nicht ganz überraschende Antwort. „Und ob, das ist wichtiger als die Hackn,“ sagte ich und beendete das Gespräch… Ich muss sagen, da habe ich mich selbst erstaunt. 10 Minuten später klingelte mein Handy. Die Arbeit. „Wir Führungskräfte haben das jetzt besprochen. Ist ok. Kommts wenns fertig seid.“

Wir beschlossen in der Firma niemandem zu erzählen was wir gesehen und erlebt haben, da dort 90% sowieso nur geil auf Gschichtln sind.

Kaum sind wir in der Firma angekommen, wurden wir schon gefragt: „Und wie wars?“ Und unsere leicht bissige Antwort war: „Weißt was, nach der Hackn setzt dich in dein Auto fährst raus und holst selber eine Familie ab. Dann weißt wies war.“

Und wir beschlossen, das ganze Wochenende vor der Arbeit zu shuttlen.

Was wir dann auch taten.