Teil 1″Also das ist ja eine echt außergewöhnliche Geschichte…

…du solltest die aufschreiben!“ höre ich jedes Mal wenn man mich danach fragt, wie ich Salar kennengelernt habe und nach der Kurzversion „am Bahnhof“ dann doch die lange Geschichte hören will.

Ich finde sie vielleicht ein bisserl kurios aber bei weitem nicht so spannend wie andere. Nun gut, man soll die Leserschaft bei Laune halten und ich habe momentan noch etwas Zeit diese Geschichte niederzuschreiben.

Es war im heißen Spätsommer 2015, als ein Arbeitskollege und ich bereits unser letztes nicht mehr getragenes Hemd ins Flüchtlingslager Traiskirchen geschickt hatten und uns die Masse an Menschen die nach Europa aufbrachen, jeden Abend heulend Runden im Hof unserer Firma drehen ließ. Irgendwie muss man doch auch dann noch helfen können wenn man schon alles gegeben hat! Es war eine emotional sehr aufreibende Zeit. Wir fühlten uns machtlos und hilflos. Und oft waren wir auch besonders wütend, wenn wir mal wieder im Großraumbüro unmenschlich rechtes Gedankengut mitanhören mußten und dem manchmal mit einem „hoit doch dei deppate Goschn“ versuchten Einhalt zu gebieten. Manchmal ganz einfach deswegen, weil wir müde waren.

Dann kam über Nacht der Kälteeinbruch mit Regen und Ungarn hat beschlossen die Grenzen dicht zu machen. Der Strom an Menschen die nach und durch Österreich wollten wurde zur Sturzflut.

Mein Kollege und ich hatten Spätschicht am Donnerstag und auch am Freitag. Freitag gegen 8 Uhr morgens läutete mein Handy. Der Kollege war es. „Was ist, Isa? Fahren wir?“ Mehr musste er nicht sagen. Ich wußte was er meinte. „Ich bin in 25 Minuten bei dir.“

Wir mußten einfach an die österreichisch-ungarische Grenze und helfen. Auf Grund von social media wußten wir, dass die Autobahn vor der Grenze dicht ist und wir wußten wir müssen davor abfahren um uns am „Landweg“ anzunähern. Es regnete in Strömen und es war arschkalt. Plan hatten wir keinen. Aber irgendwie war uns klar wir sammeln wen auf und bringen die Person/die Personen nach Wien zum Bahnhof.

Das was ich da mit meinen eigenen Augen direkt vor mir gesehen habe, werde ich in meinem ganzen Leben nie vergessen: Eine dreißig Kilometer lange Schlange an Menschen wanderte da am Straßenrand entlang Richtung Hoffnung. junge, alte, junge die alte auf dem Rücken trugen, junge die noch jüngere in den Armen hielten….alle schmutzig, alle nass, alle ohne einem Stückchen Gepäck. Wen fragt man denn da ob sie mitgenommen werden wollen? Wir hatten ja nur einen Passat! Wie sucht man da aus? Und was sagt man zu denen die man nicht mitnehmen kann?

Wir fuhren die Kolonne bis zum geopolitischen Ende am Grenzübergang. Da hinten wurde die Schlange für den Moment etwas lichter… Wir beschlossen, keine Männergruppe mitzunehmen (denen trauten wir den letzten Weg auch noch zu) sondern nach einer Familie Ausschau zu halten mit möglichst kleinen Kindern, da würden mehrere auf die Rückbank passen. Und dann sah ich sie. Mein Kollege stoppte und sagte „Sprich du mit denen. Dann fahren sie fix mit uns mit.“ Ja was sagt man denn da? Ich entschloss mich für ein Lächeln und ein „Train station Alemania?“ und das ältere Kind schrie „Yessssss!“ und zog die Mutter in meine Richtung. Die Mama war Lehrerin und sprach ein bisschen Englisch. Ich stellte uns vor, sie stellte sich vor, ich erklärte ihnen wo sie sind, wie weit es nach Wien ist, wo wir sie absetzen werden und dass wir das definitiv gratis machen. Ich habe ein Wifi im Auto eröffnet und sie konnte mit ihrer Famile oder Freunden oder wen auch immer telefonieren. Den Kindern gab ich mein Handy und ließ sie ein paar Barbapapa-Folgen auf Deutsch schauen. Der Papa ist gleich eingeschlafen als er bei uns im Auto saß. Mit der Mama habe ich geplaudert und ihr bei jedem Schild auf der Autobahn gezeigt, dass wir wirklich Richtung Wien fahren. Uns war es wichtig der Familie ein Gefühl von Sicherheit zu geben und am einfachsten ist das mit Reden und zeigen und erklären.

Als wir am Westbahnhof angekommen sind, wühlte ich mich mit der Familie durch bis zu einem arabischen Infostand. Ich gab der Mama noch schnell meine Telefonnummer und meinte es wäre nett, wenn sie sich mal meldet und erzählt ob alles geklappt hat.

Mein Arbeitskollege und ich waren mit den Nerven fertig und beschlossen, wir bräuchten vor der Arbeit noch Stärkung. Es war bereits 5 vor Arbeitsbeginn und ich rief in der Firma an um Bescheid zu geben, dass wir später kommen, wir müssen nach dem Shutteln der syrischen Familie noch was essen. „Das könnts nicht machen!“ war die nicht ganz überraschende Antwort. „Und ob, das ist wichtiger als die Hackn,“ sagte ich und beendete das Gespräch… Ich muss sagen, da habe ich mich selbst erstaunt. 10 Minuten später klingelte mein Handy. Die Arbeit. „Wir Führungskräfte haben das jetzt besprochen. Ist ok. Kommts wenns fertig seid.“

Wir beschlossen in der Firma niemandem zu erzählen was wir gesehen und erlebt haben, da dort 90% sowieso nur geil auf Gschichtln sind.

Kaum sind wir in der Firma angekommen, wurden wir schon gefragt: „Und wie wars?“ Und unsere leicht bissige Antwort war: „Weißt was, nach der Hackn setzt dich in dein Auto fährst raus und holst selber eine Familie ab. Dann weißt wies war.“

Und wir beschlossen, das ganze Wochenende vor der Arbeit zu shuttlen.

Was wir dann auch taten.

Warum ich mich nach Deutschland verziehe

Ich habe Arbeit, ich habe eine schicke Wohnung, ich habe Freunde und Familie in Wien. Als Salar mich das erste Mal in Wien besuchte, meinte er zum Abschied „Mein größter Konkurrent ist weder deine Arbeit, noch deine Freunde oder Familie. Mein größter Konkurrent ist Wien.“ Wie Recht er doch hatte.

Wien ist meine größte geographische Liebe. Wien hat alles was man braucht: Öffentliche Verkehrsmittel, die meist nur einen Katzensprung entfernt sind und so gut wie immer fahren. Taxis, auf die man maximal 3 Minuten wartet (ich habe mir noch nie eines gerufen, das nächste freie fährt bestimmt bald vor). Kinos, die Filme in Originalfassung zeigen, egal ob diese Englisch, Türkisch oder Französisch ist. Einkaufsmöglichkeiten, wenn man weiß wo, an jedem Wochentag (ausgenommen 8.12. hahaha). Kultur, wohin man sieht! Museen, Theater, Oper, Musical…. Die Architektur so gut wie jedes Hauses ist einzigartig. Für jeden Geschmack das richtige Essen. Für jedes Essen das passende Gewürz. Mindestens 20 Kaffee-Variationen in hunderten Kaffeehäusern (Hallo Melange, Einspänner, Kapuziner, großer Brauner, kleiner Schwarzer!). An jedem Werktag einen Markt irgendwo in Reichweite. Alle Ärzte die man brauchen könnte in x-facher Ausführung. Mehrere Spitäler und einige davon mit Spezialgebieten. Einen Flughafen, Bahnhöfe in jede Himmelsrichtung! Fahrpläne, die ich nicht googlen muss, weil durch die Stadt und in die Vororte sowieso dauernd was fährt. Clubs, Bars, Restaurants, für jeden ist etwas dabei. Freizeitbeschäftigungen nach Wetterlage. In der Adventzeit gefühlt 100e Weihnachtsmärkte über die ganze Stadt verteilt. Einen Nationalpark! Das Alpenvorland! Die Donau! Ja, Wien ist schon eine tolle Stadt.

Nur was ist die tollste Stadt der Welt, wenn einem die Person fehlt, die einen selbst vollkommen macht?

NIX!