Die Rettung des Familiensilbers

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.

Für die meisten ist es das wichtigste, die Fläche auf der man wohnt zu besitzen. Der Traum vom Eigenheim auf eigenem Grundstück. Für andere – ich würde mal sagen für die Minderheit – meinen Vater zum Beispiel, ist es das Wichtigste dieses Besitztum loszuwerden. Nicht, dass es mein Vater notwendig hätte, sein Haus zu verkaufen. Ganz im Gegenteil. Er könnte, wenn er denn wollen würde, aus dem tatsächlich Jahrhunderte alten Familiensitz ein Schmuckkästchen machen. Wenn da nicht der Aufwand wäre! Man müsste ja – und das ist für gestresste Pensionisten ja das allerschlimmste – über Wochen eine Baustelle bewachen! Nicht, dass da jemand was fladert! Nein. Das will mein Vater nicht. Die Kinder haben ja kein Interesse daran – so wurde gemutmaßt, weil die Tochter ja nach Deutschland zog und der Sohn mit seiner Familie im Nachbarort der Ansicht ist „was eigenes“ (Mietwohnung) haben zu wollen. Gut, meinen Bruder versteh ich manchmal, manchmal aber auch nicht. Ich habe aber immer gesagt, wenn das Haus nicht feucht bis in den ersten Stock und das Gemäuer isoliert wäre, könnte ich mir vorstellen irgendwann mal wieder dort zu wohnen. Das ist aber für meinen Vater ein zu großes Unterfangen und die Unsicherheit des „Irgendwann“ zu groß. Also liebäugelte er schon seitdem mein Großvater über 90-jährig seinen Körper der Anatomie gespendet hat, damit das Haus in bester Lage zu verkaufen. Dumm, wie nur eine Tochter sein kann, dachte ich, es wird sich wohl kein Depp finden, der dieses nasse Patchwork-Haus – weil über Generationen immer mal wieder angestückelt wurde – kaufen wird und habe mehrfach angeregt, es doch an eine caritative Organisation zu verpachten, damit da ein paar Flüchtlingsfamilien einziehen und es renovieren können.Ja, hahahahaha, sicher nicht! War die Antwort meines Vaters. Und so kommt es, dass nun ein Kebab-Dealer-Ausstatter türkischer Herkunft den Vorvertrag unterschrieben hat.

Mein Vater hat mir diese Nachricht am Sonntag folgendermaßen überbracht: „Schreib mir eine Liste was du aus dem Haus noch haben willst.“

Ja, wie soll man das machen, wenn man doch gar nicht weiß was für Schätze noch vorhanden sind? Der alte Herr wurde nämlich immer mal wieder von einer Wegschmeißwut übermannt, die ich, nachdem ich ausgezogen bin, nicht mehr so gut überwachen konnte wie zu den Zeiten als ich noch bei ihm wohnte. Wobei auch da manchmal Dinge ihren Weg zum Sperrmüll fanden wo mir beim Gedanken daran noch immer das Herz blutet. Zum Beispiel wurde mal ein handbemalter Bauernschrank aus dem 19. Jahrhundert vom Dachboden durch die Heuluke unsanft in den Hof befördert. „Den stellt sich ja keiner mehr auf!“ meinte mein Vater…

In unregelmäßigen Abständen fanden bei uns auch in alter Tradition kontrollierte Bücherverbrennungen statt. „Die brennen wie Zunder am Dachboden, würd der Blitz einschlagen.“ Wobei die Chance eines thunderstrikes bei uns relativ vernachlässigbar war, da das Haus direkt neben der Kirche steht. Ich stand neben der Scheibtruhe und fischte hektisch „das nicht! Und das auch nicht! Das ist eine Erstausgabe!“ rufend alles raus was ich ergreifen konnte und brachte die Bücher wieder auf den Heuboden.

Manche Sachen, die sich schlecht verbrennen ließen oder in denen sogar mein Vater einen Wert sah, wurden auf Flohmärkten verramscht. „Rudi, magst dir ned no die Dessertteller a mitnehmen?“ „Ja, die verkauf i dann beim nächsten Flohmarkt selber!“ „Hahahaha!“ Was haben wir gelacht. 🙄

Unter diesen Umständen konnte ich keine Liste anfertigen. Zum Glück hatte der Göttergatte diese Woche drei Tage frei. Also haben wir für Dienstag ein Auto gemietet und fuhren in die alte Heimat um zu retten was zu retten war. Insgesamt fünf Stunden Autofahrt für zwei Stunden vom Dachboden bis zum Keller mit geschulten Adleraugen alles einpacken was einen ideellen oder monetären Wert hat und dabei den Verramscher-Ton („Nimm dir doch die Kanne mit, das ist historisierender Jugendstil.“ „Die hast in den 80ern gekauft!“ „Na nimms doch!“ „Nein, Papa, bitte. Stell sie doch in deine Wohnung!“) von meinem Dad ausblendend. Nebenbei noch gestillt und gewickelt. Mein toller Ehemann beschäftigte sich mit dem Küken während ich in drei Wohnungen gleichzeitig war.

In der Wohnung meines Großvaters standen dann alle Gemälde die als Anzahlung für Schulden (die meisten von einem Künstler) in zwei Weltkriegen und dazwischen von der Fleischerei angenommen wurden.

„Das nehm ich.“

„Das ist aber kein Roth.“ (Das ist der fleischeslüstige arme Maler gewesen.)

„Ich weiß. Deshalb nehm ich es ja.“

„Du weißt, dass das wahrscheinlich das einzige hier sein könnte, das einen Wert hat.“

„Jo mei Papa, ich hab halt vom besten gelernt.“

Drei, zwo, eins – meins!

Mittlerweile bin ich auch in einem Alter angekommen wo Silber polieren nett sein könnte – also davon auch was mitgenommen. Außerdem sieht sich meine Tochter gerne „Bares für Rares“ an und kennt sich mittlerweile etwas mit Punzierungen aus. Kicher, kicher.

Dann eine Kiste mit Fotos von meinem Großvater. Die Kiste die am Nachttisch stand. Die hab ich heimlich eingesteckt, denn als wir im Mai dort waren, meinte mein Vater noch, sie ginge mich nix an – ja, weil da die einzigen Fotos der militärischen Laufbahn meines Großvaters drinnen sind! Ich frag mich immer noch ob er sich die vorm Einschlafen angesehen hat und über die „gute alte Zeit“ sinnierte bis ihm die Augen zugefallen sind….

Dann raus auf den Dachboden. Dort ein paar Stücke Kernseife eingesteckt – man kann ja keinen Van voller Seife fahren, sonst hätte ich alle mitgenommen. Um die tut’s mir am meisten leid. Ich habe noch eine Kiste Bücher überflogen und mir ein paar rausgezogen, deren Wert ich erst wieder zurück daheim in Passau erkannte.

Eines ist ein „Liederbüchlein für Volks- und Bürgerschulen“ von einer K.u.K. Buchdruckerei aus dem Jahre 1918, auf Seite eins das „Kaiserlied“. Moment! 1918? Kaiserlied? K.u.K.? Damn it! Das muss wohl im frühen Frühjahr gedruckt worden sein…und ist die letzte Auflage! 😍

Man kann sagen büchertechnisch habe ich mich mit „100 Jahre Republik Österreich inklusive Unterbrechung“ ausgestattet. Und damit hier keine falschen Ideen aufkommen, „sein Kampf“ ist nicht dabei.

Runter in den Keller. Den Fotokoffer geschnappt – Zenit ES Photo sniper FS3, fast vollständig, nur zwei Blenden fehlen. Schaut scharf aus damit zu knipsen, sieht nämlich eher nach schießen aus. Und das Tair 3-Phs Teleobjektiv ist ein Brüller.

Zwei Schmuddelhefte aus den 70ern mussten auch mit.

Danach noch schnell in meine alte Wohnung, zuletzt von meinem Vater als Atelier genutzt – er ist, oder so wie es jetzt scheint, war ein malender Metzgermeister. Dort habe ich mir ein Frühwerk, ein Wandelbild und einen Druck (den wollte ich schon länger) eingepackt.

Dann fing es an zu schiffen vom Feinsten. In den Wohnungen war es schweinwkalt und das Küken wurde etwas unrund. Außerdem wurde es sowieso schon etwas dunkel. Wir brachen meine Schatzsuche ab und sind wieder abgereist. Dieser Kurztrip war schon ganz schön anstrengend für uns.

Zuhause sind mir dann noch ein paar Dinge eingefallen, für die ich gerne mehr Zeit gehabt hätte um sie abzumontieren und mitzunehmen. Somit bekam nun mein Vater doch noch eine Liste und mein Bruder den Auftrag diese Sachen rauszuholen.

Der alte Herr schickte mir dann noch ein Foto von einer unvollständigen Ausgabe „Meyer’s Conversationslexicon“ von 1862. Bei dem Alter ist das dann schon egal.

Eigentlich hätte der Artikel schon letzten Donnerstag online gehen sollen….aber mit Baby komm ich ja zu gar nix.

Immerhin hängen die Bilder – bis auf das alte. Das ist dem Göttergatten zu spooky und zu düster. Ich nenne es „Bigamistischer Hirsch mit seinen Frauen am Teich um 21.30 Uhr am 12.Juli 1886.“ Alle Daten sind rein fiktiv – das Jahr stimmt. Das Dreiergespann könnte aber auch zu Mittag am Weiher stehen – je nach Verschmutzungsgrad des Bildes… und sollte dem so sein, dann würde der Gatte es doch aufhängen.

2 Gedanken zu “Die Rettung des Familiensilbers

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