Teil 2″Also das ist ja eine echt außergewöhnliche Geschichte…

…die solltest du mal aufschreiben!“

Wir sind an diesem Wochenende im September 2015 noch fünf Mal an der Grenze gewesen und haben Familien aus allen Herkunftsländern geshuttelt: Irak, Syrien und Afghanistan. Die meisten sprachen kein Englisch aber alle Menschen sprechen „Hände und Füße“ und wenn man sich auf Augenhöhe begegnet, dann ist das sehr sehr einfach.

Am Sonntag waren wir schon sehr zeitig am Grenzcamp und außer Polizei und den gierigen Taxlern aus Wien, Niederösterreich, Burgenland und sogar Oberöstereich, die pro Nase 100€ kassierten für 45km Strecke war eigentlich niemand zu sehen. Ja, Scheiße, was macht man da?

Ich bin auf die Polizisten zu und fang zu plaudern an:

– „Servas! Hut ab vor eurem Job! Ich könnt das nicht…“

-„Wos woin se do? Flüchtling schaun?“

-„Nein, ich würd gern welche nach Wien bringen…aber irgendwie ist da ja niemand…“

-„Sie wissen dass des illegal ist?“

-„Ahsoo? Sagt wer? Die Taxler verlangen einen hunderter pro Kopf und das ist nicht illegal? Ich würds gratis machen. Bonuspunkte fürn Himmel sammeln.“

Der Polizist hat gerade angefangen mit seiner Aufzählung an Schleppereigesetzen als sich ein Kollege dazugesellte: „Bist du deppat? Die hüft uns! Geh weida mit deine Paragraphen!“ und zu mir gerichtet:“ Du, sorry, des ist der erste Tag an der Grenze fürn Kollegen. Wieviele könnts mitnehmen?“

-„Wir haben einen Passat. Also drei.“

Polizist lacht.

-„Do gengang si locker viere aus. De san eh so dünn!“

-„Aber das ist nicht legal dann..was wenn uns ein Kollege von dir aufhält?“

-„Schleppen tuast owa ned mehr mitnehman?“

-„Irgendwo muss man ja im legalen Rahmen bleiben und wir nehmen ja nur mit, wir versteckens ja nicht.“

-„Oiso guad. Drei. Wünsche?“

-„Keine Männergruppe. Am liebsten eine Familie.“

-„Woat do.“

Er zieht von dannen ins Camp. Kommt wieder ins Sichtfeld und schreit:“Gengan drei Jugendliche a? Do is a Madl dobei!“

-„Ja, passt. Nehma!“

-„Kennts es danach wieda kumman? I hob grod übern Funk gheat do kammatn no 30-50.000…do kenntast donn söwa aussuachn…“

-„Schauma mal. Danke.“

Diese drei Jugendlichen waren der Grund, dass Salar und ich uns kennenlernten. Denn die Kids hatten Verwandtschaft in Wien und die hat unsere Aktion beeindruckt. Die Cousine die eigentlich aus Essen war aber in Wien lebte lud mich am Montag zu sich ein. Wir verstanden uns super und die Kids wollten, dass ich am nächsten Tag zum Bahnhof mitkomme zur Verabschiedung, denn sie wollten weiter nach Deutschland.

Okay, dachte ich….ich hab sowieso frei.

Mittlerweile war die ungarische Grenze so gut wie dicht und der Grenzübergang Nickelsdorf so gut wie leer. Shutteln mussten wir nicht mehr.

Allerdings waren die Bahnhöfe komplett überlastet und wer schlau war (oder ortsansäßig) fuhr von einem Nebenbahnhof weg. Also bin ich mit den Jugendlichen nach Meidling gefahren um sie dort easy peasy in den Zug zu setzen.

In Meidling erkannte ich den Ernst der Lage – einige wenige Flüchtlinge, die keinen blassen Dunst hatten von wo wohin die Reise geht. Also habe ich beschlossen am Bahnhof zu bleiben und zu helfen, Zugtickets zu kaufen und dann auch in den richtigen Zug einzusteigen. Dann kamen mehr Flüchtlinge und ich begann Spenden von Passanten anzunehmen um Essen und Trinken zu kaufen und manch ein Wiener stand dann plötzlich mit Wasser und Bananen vor mir „für de Oamen“. Das war mir weitaus lieber als Geld anzunehmen, denn so musste ich meinen Platz nicht verlassen. Also über social media einen Promi angeschrieben, der in der Flüchtlingshilfe aktiv war und gebeten zu veröffentlichen, dass es in Meidling auch Hilfsbedürftige gab – was sie auch gemacht hat und zu einigen Sachspenden mehr führte. Ich fand das zugegebener Maßen sehr geil.

Und irgendwo hier habe ich Salar laut seiner Erinnerung angesprochen und gefragt ob er Englisch kann und die Familie vor mir fragen kann ob sie was brauchen…. daran kann ich mich allerdings nicht erinnern, ich habe mit so vielen Menschen gesprochen…wie könnte ich mich daran erinnern….

Es wurde Abend über Meidling und die Gänge wurden leerer und ich konnte mich guten Gewissens aus den Katakomben auf den Bahnsteig wagen um zu sehen was sich da so tut.

Da standen sechs junge Männer herum und etwas weiter weg saß eine junge Frau. Einer der Männer unterhielt sich mit einem Österreicher, der auch spontan am Bahnhof blieb um zu helfen.

„Staying in Syria would have meant to have two option: to kill or being killed. None of these would have worked for me.“ hab ich im Vorbeigehen aufgeschnappt und ich war wie elektrisiert. Ich dachte nur „fuck ja! Der hat vollkommen Recht! Ein Satz reicht auf die Frage „Warum bist du hier?““

Ich war mit Wasser und Bananen bewaffnet und fragte die ganze Gruppe ob sie was davon wollen. Sie lehnten ab. Also ging ich zu der Frau. Ich werde den Blick meiner baldigen Schwägerin NIE vergessen. In meinem gesamten Leben habe ich aus einem Augenaufschlag nicht so viel rauslesen können wie aus ihrem. Wir lachen heute alle darüber und anstelle von „das einser Menü der Flüchtlinge“ ist es „das was Europäer als freundlich gemeinte aber nicht so empfundene Geste Fremden anbieten.“

Also ging ich zurück zu der Männergruppe, denn ich wollte mehr davon hören was der englischsprechende zu sagen hatte.

Um nicht ganz so auffällig zu lauschen beschloss ich meine eigenen Bedürfnisse hintanzustellen und fing an mit den anderen herumzublöden. Keiner sprach so richtig Englisch und mein Arabisch war auch damals schon – nun ja – bis auf „yalla yalla“ (gemma gemma) und „shukran“ (Danke) nicht vorhanden. Aber die lustige Herrenrunde sagte dauernd „Say …..(irgendwas arabisches)“ und ich hab es halt gemacht und die hatten sehr, sehr viel Spaß… leider können sie sich nicht mehr daran erinnern. Woran sie sich aber alle erinnern können ist folgendes:

Salar hat dem Österreicher am Boden auf ein Blatt Papier seinen social media account aufgeschrieben und ich bin mit meinem Handy zum Zettel gesprungen und hab ein Foto gemacht. Das hat die Gruppe sehr beeindruckt, denn mittlerweile weiß ich, dass das länger Gesprächsthema war.

Ich ging dann irgendwann zum Westbahnhof ohne zu wissen was aus der Gruppe werden würde oder wo sie hinwollten und wann. Ich ging, weil der letzte Zug nach Alemania an diesem Abend bereits abgefahren war.

Als ich zu Hause war, habe ich eine Anfrage an Salar geschickt, die er prompt angenommen hat. Viel war damals schon nicht auf seinem Profil zu sehen.

Am nächsten Tag stand ich pünktlich eine halbe Stunde vor dem ersten Deutschlandzug am Bahnhof Wien-Meidling. Kurz nach mir kam die Frau mit dem argen Blick – meine Schwägerin – und ich schrie ihr nur entgegen „good morning! where is your brother?“ „Coming….“ und ein Fingerzeig nach hinten war die Antwort. Dann kam Salar und schrie „I already added you!“ und ich schrie „i know!“ Dann habe ich mal herausgefunden wohin die Truppe eigentlich wollte und habe die neuesten Entwicklungen kundgetan – also ihm gesagt, dass sie wohl in Passau aus dem Zig geholt werden, aber Passau dann schon Deutschland ist.

Der ICE kam und Salars „letzte Worte“ waren:

„I really hope its not colder in Germany than here, this is all I have.“ und zeigte an sich entlang.

In diesem Moment war es um mich geschehen. Ich wollte in den Zug reinschreien „Please dont go! Stay!“, besinnte mich aber eines besseren. Nein, dachte ich, das einzige, das ich wirklich will, ist, dass er glücklich wird.

Scheint geklappt zu haben 😁

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s