Requiem an meinen Lieblingsbaum

Seit wir letzten Oktober in unsere Wohnung eingezogen sind, erfreute ich mich über den fantastischen Ausblick auf den schönsten Baum den ich jemals gesehen habe. Er war PER-FEKT.

Das Farbenspiel im Herbst war von einzigartiger Schönheit. Bevor er all sein Laub verlor, verfärbten sich die Blätter genau so wie ich es im Biologieunterricht gelernt habe – von oben nach unten. Nicht so wie die verschreckten Großstadtbäume die überall braun-grün gescheckt sind. Nein. Die Blätter meines Lieblingsbaumes war oben rot, mittig gelb und unten noch grün gefärbt – ohne Ausnahme. Ich nannte ihn auf Grund dessen liebevoll Ampelbaum.

Dann im späten November verlor er sein Blattwerk und eine weitere Schönheit entpuppte sich darunter. Sein Astwerk. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, das war der schönste nackte Baum den ich je sehen durfte. Wenn ich auf der Couch „verkehrt herum“ lag und den Kopf runterhängen ließ, sah der Baum mit seinen Ästen aus wie ein Herz mit seinen Arterien. Ein Bilderbuchbaum. Wenn man den gezeichnet hätte, hätte man über das Bild gesagt, es sei so kitschig, das kann nicht der Realität entsprechen. Dank seiner exponierten Lage am Rande der Grundstücksgrenze eines Diskonters Süd, hatte ich die Möglichkeit mir den Baum von allen Seiten anzusehen – er war komplett symmetrisch. Auf keiner Seite stand ein Asterl weg. Aus jeder Perspektive sah dieser Baum im Winter aus wie ein umgedrehtes Herz. Somit hieß er dann im Winter auch Herzbaum.

Ich konnte es kaum erwarten ihn im Frühling zu beobachten, wenn er wieder Blätter bekommt. Und in der Tat, er war der erste der Knospen hatte und der erste bei dem sich Anfang März zartes Grün erkennen ließ. Und dann in der Karwoche ist sein Blätterkleid förmlich herausexplodiert und er stand da in all seiner Pracht im sattesten Grün.

Ich freute mich darüber wie ein kleines Kind. Und ich freute mich darauf meinem Kind anhand genau jenen Baumes die Jahreszeiten erklären zu können.

Doch es sollte anders kommen.

Letzte Woche schloß mein Nachbar zwecks Neubaus die Pforten. Am Montag rollte der erste Bagger an und fing damit an die kleinen verreckten kaum blühenden Bäume am Parkplatz umzuschneiden. Okay – das lasse ich mir einreden, die neue Filiale soll größer werden und diese Bäume wurden von den Diskonter-Erbauern fix erst gepflanzt als der Supermarkt schon stand. Ich meinte zu Salar, wenn die die Bäume an der Grundstücksgrenze umsägen, hänge ich mich an „meinen“ Baum an. Salar beruhigte mich, er sehe keine Gefahr für den Baum, er stehe ausserhalb der Umzäunung und so wie da im Winter kein Schnee geräumt wurde auf dem Gehsteig, gehe er davon aus, dass dieser Baum auch nicht dem Diskonter gehört. Ausserdem ist dieser Baum weitaus älter als der Supermarkt und stünde schon viel länger da. Ich war zufrieden.

Dann kam am Mittwoch überraschend meine Mum zu Besuch und die Baustelle war auch schon soweit fortgeschritten, dass mit der Demolierung des Gebäudes begonnen wurde.

Am Donnerstag waren wir zu Mittag beim Fast-Food-Nahversorger. Nicht einmal eine Stunde waren wir weg, weil die golden arches keine drei Minuten zu Fuß entfernt liegen. Als wir zurückkamen führte mein erster Weg aufs Klo und der meiner Mum auf die Terrasse (jeder hat Grundbedürfnisse die befriedigt gehören). Da hör ich meine Mutter durch die Häusltür durch: „Stand da nicht ein Baum?“ und ich denk mir „Na. Die macht sich lustig, weil ich ihr gesagt habe, dass ich mich an den anketten würde.“ und komme nach getaner Arbeit auf die Terasse.

So schnell haben sich meine Augen schon sehr lange nicht mehr mit Tränen gefüllt. Haben Arschgeburten tatsächlich den schönsten Baum der Welt umgeschnitten der bis zum heutigen Tage keinem Baugerät im Wege gestanden hätte und das Drecksgebäude ist auch schon tutti kompletti abgerissen!!! Ich verstehe es nicht. Dieser Baum stand weder im Weg, noch war er krank, noch ging von diesem Baum irgendeine Gefahr aus.

Seitdem führe ich einen innerlichen Kreuzzug gegen diesen Neubau und die Diskonterkette Süd. Die sollen sich bloß in Acht nehmen, alles korrekt zu machen! Ich habe 24/7 nichts zu tun und meine Couch ist mein Lieblingsplatz. Genauso wie ich meinen Baum von dort aus sehen konnte, sehe ich jetzt jeden Handgriff auf der Baustelle. Wenn mir da was schwarz vorkäme, wär ich mit dem denunzieren ganz schön schnell.

Ich war seit meinem Umzug hierher kein Freund vom Diskonter Süd, weil es da drinnen immer so muffig roch und man als Österreicherin schon meinen konnte in der Filiale für die dritte Welt zu stehen. Aber zukünftig werde ich nicht mal mehr meine schwedischen Haferkekse dort kaufen. Die Baummörder haben mein Geld nicht verdient.

Ruhe in Frieden mein allerliebstes Lieblingsbäumchen. Ich denke an dich.

2 Gedanken zu “Requiem an meinen Lieblingsbaum

  1. Oh nein… Da könnte ich gleich mitheulen! „Meinen Baum“ hats vor drei Jahren erwischt… Gut, der war schon so morsch, daß er mit jederzeit ins Schlafzimmer hätte fallen können, aber im Sommer hat er so wunderbar geduftet (eine Linde wars) und gesummt und gebrummt hat das!
    Ich vermisse den auch jeden Tag.

    Gefällt 1 Person

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