Das seltsame Verhalten der deutschen Arbeitskollegen nach Schichtende

Als ich noch in Wien zur Arbeit ging, gab es immer Öffi-Fahrgemeinschaften. Wer gleichzeitig aus hatte, flüchtete auch mit der selben U-Bahn oder dem gleichen Bus, oder wer ein Auto hatte fragte zumindest anstandshalber „Soll ich dich mitnehmen?“

Man saß zusammen im selben Carrée im selben Wagon oder stand im Bus im selben Quadratmeter, man redete miteinander, zog über andere und die Arbeit her, baute Frust ab oder sprach über so nicht öffentlichkeitstaugliche Themen, dass man die Blicke der anderen Anwesenden auf sich zog.

Manchmal hat sich dann auf dieser Fahrt noch ein „was meinst, gemma noch ins xxx (Beisl, Bar der Wahl)?“ ergeben, weil man ja noch was fertig zu tratschen hatte. Zu diesen Gelegenheiten wurden dann auch noch Frühschichtler des Tages, von denen man wußte sie hatten tagsdarauf frei, angerufen und gefragt obs nicht auch noch Lust hätten auf einen Absacker.

Wenn man mit manchen nicht im selben Fahrzeugteil saß, dann hatte das seine Gründe. Zum Beispiel: „Sei mir bitte ned bös, aber ich möchte das Buch fertig lesen bevor ich daheim bin.“ oder „Ich muss bei Haltestelle xy vorne/hinten raus und habs eilig.“

Ich vermisse es.

Hier in meiner Wahlheimat läuft das gaaaanz anders. Und: ich beobachte das nicht nur mit meinen Arbeitskollegen sondern auch unter Arbeitskollegen anderer Firmen mit denen ich die Einstiegshaltestelle teile. Also liegts nicht an mir, sondern dürfte „was kulturelles“ sein:

Man steht zusammen an der Haltestelle und plaudert. Der Bus biegt am Ende der Straße ein. Das Gespräch stockt. „Na heute ist er ja fast mal pünktlich – hohoho.“ Bus bleibt eine Station vor „unserer“ stehen. „Na wo bleibt er denn? Wird wohl nix mit der Pünktlichkeit – hohoho.“ Der Bus fährt in unsere Station ein und die Menschen die vorher noch im Rudel redeten kennen sich nicht mehr. Kein Wort des Grußes. Nix. Einer steigt hinter dem anderen ein und die Gruppe verteilt sich großflächig im meist menschenleeren Bus. Bei einer Viererkollegengruppe sieht die Verteilung wie folgt aus: Der erste geht nach hinten durch und setzt sich in die letzte Reihe. Der zweite setzt sich gleich hinter dem Busfahrer. Der dritte nimmt mittig in der zweiten Bushälfte Platz und der vierte im Mittelteil der ersten. Nichtmal beim Aussteigen wird der Rest der Belegschaft gegrüßt oder zumindest mit einem Nicken bedacht.

Panik steigt in den Köpfen allerdings dann auf wenn manchmal schon eine Horde Menschen den Bus bevölkert und eventuell für die vier nur noch eine Vierergruppe frei ist und man zwangsläufig zusammensitzen muss wenn man nicht stehen will (und wer will das schon nach einem 8-Stunden Bürotag). Um aber auch in dieser engen Situation das „Ich kenn die anderen nicht“-Gesicht nicht zu verlieren, haben die Assi-Kollegen von hier auch dafür eine Lösung > das Smartphone. Steckte es vorher noch in der Tasche, klebt es jetzt in den Händen. Es wird partout nicht mehr miteinander gesprochen sobald man im Bus sitzt.

Da frag ich mich, was bitte ist euer Problem? In welchem der Zehn Gebote steht „Gehe nur freundlich mit deinen Kollegen um solange du dich nicht fortbewegst?“

Ich weiß von einigen Kollegen wo sie wohnen. Das ist für mich jetzt nix abartiges oder stalkerhaftes. Ich hab das immer von denen gewußt die ich leiden kann, weil man könnte ja mal ein Auto haben und jemanden mitnehmen wollen. Und was bin ich anno dazumals mit dem Auto durch Wien gekurvt um Kollegen in die entferntesten Winkel zu bringen. Und mei, von mir weiß und wußte es ja auch einjeder der mich fragte. Für die Deutschen ist es ja besonders interessant zu erfahren dass die Ösi tatsächlich nach Deutschland gezogen ist….ja, ich weiß, das Gras ist jenseits der Grenze viel grüner…LOL.

Also, jetzt die Frage: Wenn ich weiß wo die schwangere auf Öffis angewiesene Ösi wohnt, ein Auto besitze und ihre Wohnung am Weg heim liegt und wir zur selben Zeit aus haben, frag ich da nicht zumindest anstandshalber „soll ich dich mitnehmen?“? Die Antwort ist: Nein, man fragt nicht. (Zum Verständnis: alle wissen dass ich kein Auto habe, weil das war nach „die kommt aus Österreich“ das Zweite was sie über mich erstaunte.)

Aber ich bin ja nicht auf den Mund gefallen und frag mittlerweile selbst „heast mogst mi ned mitnehma owezua is zach mim Bauch?“ besonders gerne samstags, weil der Bus da nie so fährt wie ich aus hab. Nein sagen tuns eh nicht die Piefke….LOL.

Ich finds ein bissi traurig.

Ich finds ein bissi assozial.

Ich vermisse meine Öffi-Kollegen in Wien: Alex, Babsi, Elif, Brigitte, Tanja, Elisabeth, Max, Milo, Ernest und alle anderen…

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