So viele nette Leute hier

sagt Salar jedes Mal wenn wir am Busbahnhof sind. Und ich muss sagen, es sind ausgesprochen viele ausgesprochen nette Leute in Passau.  Prozentuell definitiv mehr als in Wien, in der Anzahl aber sicherlich doch weniger.

Wenn wir von netten Leuten sprechen, meinen wir das Gsindl. Ja, es ist nicht politisch korrekt Alkohol- und/oder Suchtkranke so zu bezeichnen. In meinem gesamten Dasein auf diesem Planeten ist mir eine Ansammlung in größerem Ausmaß nur noch einmal untergekommen – und das war im Mai auf unserer Deutschlandtournee in Wuppertal (ich war schon mehrfach in New York). Und dort haben wir nur 90 Minuten verbracht – einmal die gesamte Schwebebahnstrecke und zurück.

Heute bin ich mal wieder reingefahren in die Stadtmitte. Ich fühle mich dort aber ehrlich gesagt nicht wirklich wohl, wenn da überall suchtkranke Menschen herumlungern, denn ich finde ein G8-Land wie Deutschland hat das nicht nötig. Ein bissi Abgeranztheit finde ich ja gar nicht mal schlecht – ich mag und mochte auch die  abgefuckten Grätzel in Wien. Aber im Gegensatz zu hier habe ich mich dort nie wirklich unwohl gefühlt. Meine „Hausubahnstation“ in Wien war das „Drogenzentrum NEU“. Ich bin da zu jeder Tages- und Nachtzeit unterwegs gewesen (irgendwie muss man ja heim) und ich hatte nie ein mulmiges Gefühl – eventuell lag das ja an der Polizeipräsenz. Es wird dort mindestens viermal am Tag patroulliert. Hier am Land in Niederbayern fühle ich mich aber unsicher. Ich glaube fast die  Pfandflaschenstirrler und Billigbier- sowie Rauschgiftkonsumenten sind nach den Touristen die zweitgrößte Minderheit hier. Dann kommt lange nix – dann kommen ausländische Mitbürger. Urlustig, jedes Mal wenn ich hier eine andere Hautfarbe sehe als die meine, fällt mir das auf – in Wien wahahaha da war ich den größten Teil meines Fortgehlebens definitiv die Minderheit.

Zurück zum Gesox: Es ist UNPACKBAR! Ich habe überhaupt nix gegen den Stinki am Bahnhof der von Februar bis November im Unterleiberl herumläuft – wenn es richtig heiß ist auch ganz barbusig, im Winter immer bejackt. Und auch den ungefähr im selben Zeitrahmen immer bloßflüßig herumlaufenden, mit sich selbst streitenden „Müllmann“ finde ich in einer absonderlichen Weise leiwand. Aber die einmarinierten 16-45 jährigen am ZOB (=zentraler Omnibusbahnhof) finde ich abstoßend. Bei denen denk ich mir immer „wennst mein Kind wärst, ich würd dich abfotzen bis es nimmer geht“- und dabei bin ich hundertprozentige Verfechterin der gewaltfreien Erziehung. Wenn ich gut drauf bin, erzähle ich Salar immer was ich glaube was der eine oder die andere gerade denkt, wenn sie so in die Leere starren….

Nein, sie haben mir bis jetzt nichts getan – sie haben mich ja noch nicht mal angesprochen oder überhaupt bemerkt. Dennoch verstört mich deren Anblick extrem und ich frage mich warum es gerade hier in Deutschland so viel Ruaß gibt und warum man sich darum nicht kümmert? Ich wünsche mir keine Ghettoisierung oder Vertreibung von den Brennpunkten – das ist nur eine Schwerpunktverlagerung und löst das Problem nicht. Aber ich wünsche mir Sozialarbeiter die da dreimal die Woche hinschauen und einen Caritas-Arztbus einmal wöchentlich und eine Vinzirast der Caritas, wo sich Obdachlose ihr Süppchen wärmen können. Das gibt es. Das weiß ich. Ich habe es in Wien sehr oft gesehen. Und zusätzlich, so glaube ich, benötigen gerade Jugendliche in Deutschland sowas wie Moralunterricht. Ich war heute in einem Nichtnurdrogeriemarkt in der Schreibwarenabteilung und habe dem Mädel das neben mir großzügig Washi-Tape mitgehenlassen wollte, obwohl ihr Vater eine Reihe weiter gerade Klarsichthüllen inspizierte, folgenden Rat mitgegeben: „gib dein Geld nicht nur für Kosmetika aus, dann kannst du dir die Klebebänder auch noch am Monatsende leisten.“ – Sie hat sie zurückgelegt und ich habe sie bis zu – Achtung! österreichischer Filminsider – „den Haarfestigern verfolgt“.

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