„Freust du dich noch oder bist du schon nervös?“

Das scheint die Frage zu sein, die meine Umwelt am meisten beschäftigt. Fast täglich werde ich genau so oder so ähnlich nach meinem Gemütszustand gefragt. Und jedes Mal wenn ich antworte „Mir dauert es zu lange. Es könnte schon der 13. sein.“ werde ich verdutzt angesehen. Und ich frage mich wieso glauben alle ich müsste nervös sein und vor allem wovor? Wenn ich die Fragenden danach frage, bekomme ich als Antwort alle möglichen Variationen von „Naja, zusammenziehen ist halt schon ein großer Schritt.“ Ist es das?

Für mich ist Zusammenziehen eine logische Konsequenz wenn man sich liebt. Wir ziehen nicht aus finanziellen Gründen zusammen oder weil wir nicht alleine leben können oder aus sonst irgendeinem Grund. Salar und ich ziehen zusammen weil wir uns lieben, respektieren und endlich ein gemeinsames Leben führen wollen. Also wovor sollten wir nervös sein und wovor haben andere Menschen Angst wenn sie mit ihrem Partner (!) zusammenziehen?

Da Salar genauso gefragt wird, haben wir uns ein Abendtelefonat lang damit beschäftigt und konnten uns keinen Reim darauf machen.

Ich habe schon vor einigen Jahren mit einem Mann zusammengelebt und damals war ich auch nicht nervös. Ich wußte von Anfang an, dass ich es nicht wollte – wir kannten uns gerade knapp ein Jahr und in der gesamten Beziehung wurden immer einseitig Beschlüsse gefasst und ich habe es geduldet.  Nach acht Monaten habe ich diesen Mann vor die Türe gesetzt und nie wieder etwas von ihm gehört (nachdem er vier Monate gebraucht hat um seinen Krempel abzuholen). Halleluja. Das einzige Mal als ich in dieser Beziehung nervös wurde, war als ich mich gefragt habe, ob ich sein Zeug einfach verbrennen sollte, sollte er es nicht bald abholen, und wo ich das machen könnte, da der Innenhof im Haus meines Vaters nicht der geeignete Platz gewesen wäre.

Ich habe eine geistige Liste von Sachen die mich nervös machen angelegt und bin zu der Feststellung gekommen, dass ich doch einen sehr nervösen Charakter habe.

Hier ist die definitiv unvollständige Version:

  • zu viele Menschen auf engem Raum
  • Körperfunktionen die nicht so sind wie immer
  • ein Knacksen in der Wohnung das ich nicht verursacht habe und auch sonst niemand anwesend sein sollte der dafür verantwortlich sein könnte
  • Post – egal ob elektronisch oder physisch.
  • Behördentermine
  • auf jemanden warten müssen, der nicht erreichbar ist.

Das einzige wovon ich in meinem Leben wirklich überzeugt bin, ist, dass der Entschluss mit Salar zusammenzuziehen der beste ist den ich je getroffen habe.

Seitdem das feststeht und ich hier Wohnung und Job gekündigt habe (Entschluss am Abend, Kündigung am nächsten Tag), läuft für uns alles wie am Schnürchen und wir können unser Glück kaum fassen. Das Universum unterstützt uns wo es kann. Ich habe nicht gedacht, dass ich – bei 3 geschriebenen Bewerbungen – beim ersten Vorstellungsgespräch sofort eine Zusage erhalte (und mit sofort meine ich „Können Sie nicht gleich anfangen, so Leute wie sie benötigen wir hier?!“ in der Mitte des Gesprächs) und bei 10 angeschriebenen Wohnungsinseraten, 4 Antworten und Besichtigungen eine Zusage bekommen (schon gar nicht in Deutschland, wo so viel von Interessenten erwartet wird) und die für eine Wohnung, die alles hat was wir uns gewünscht haben – wirklich alles.

Wir haben auch nicht geglaubt, dass Salar einen Job finden wird bis zu unserem day zero – und auch das hat funktioniert – beim 2. Vorstellungsgespräch. Auch glaubten wir nicht daran, dass Salar’s Wohnung einen Nachmieter innerhalb seiner dreimonatigen Kündigungsfrist (die haben wir erst gekündigt nachdem wir den Mietvertrag für die neue unterschrieben haben) finden wird – und auch das ist passiert.

Da fragen wir uns wirklich: Wovor zum Teufel sollten wir nervös sein?

Anscheinend sind die meisten nervös vor dem Zusammenleben an sich – für uns unerklärlich. Wir haben zwei Jahre lang jeden Abend mindestens 2 Stunden telefoniert, wir haben voreinander unsere Seele ausgebreitet wie einen Teppich. Ich wage zu behaupten, dass kein Freund und kein Familienmitglied so viel von einem von uns weiß wie der andere. Wir kennen unsere Unsicherheiten, unsere Sicherheiten, unsere Nervositäten, unsere Kuriositäten, unsere Leidenschaften, unsere Bequemlichkeiten und unsere Unbequemlichkeiten, unsere Vorlieben und was wir nicht so gerne leiden können, unseren (schwarzen) Humor und seine Grenzen, unsere kulturellen Gemeinsamkeiten und Eigenheiten, unsere Rituale. Wir wissen wann der andere gut gelaunt ist und wann nicht, wann der andere Ruhe braucht und wann Zeit zum Spielen ist, wann wir Hunger haben und wann wir müde sind, wann wir uns gemeinsam oder gegenseitig auf den Arm nehmen können und wann es eher unangebracht ist.

Ich weiß, dass Salar gerne alles technische auseinander nimmt aber eher ungern wieder zusammenbaut (an dieser Stelle einen Gruß and das Fahrrad im Vorraum – ich lasse mich gerne überraschen, gehe aber davon aus, dass wir es in seiner Gesamtheit in Einzelteilen umsiedeln werden). Salar weiß, dass ich gerne obsessiv plane (an dieser Stelle einen Gruß an die noch immer in Perfektion zu planende begehbare Garderobe) und diese Pläne dann genauso obsessiv ausführen möchte. Sollte das Universum auch hier seine Finger im Spiel haben: Wir bräuchten irgendwann mal ein Kind, das obsessiv gerne Dinge zusammenschraubt.

Das Einzige, was wir bisher noch nicht klären konnten, ist die „Schokoladen-Frage“ – ein Beziehungspolitikum… ich sage: wer sie kauft entscheidet über das letzte Stück. Salar sagt: wer das letzte Stück im Mund hat, bekommt es. Ich denke mal, wir werden uns darüber auch noch einig werden 😉

Aber das ist für mich kein Grund nervös zu sein – ich freue mich auf das Abenteuer das vor uns liegt und die schönen Jahrzehnte die wir miteinander teilen werden.

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